"Jeder Tritt zertrümmert unzählige Buddha-Reiche !

Jeder Blick verstummt ganzes Dharmakaya !"

Freitag, 24. Februar 2012

VIETNAMESISCHER ZEN BUDDHISMUS IN DEN LETZTEN JAHRZEHNTEN DES 20. JAHRHUNDERTS




DER WEGWEISER FÜR METHODIK UND PRAXIS DES ZEN [1]
['Buddhayana Zen', 'Zen des Obersten-Wagens',
'Patriarchen-Zen', 'Zen des Brüllenden-Löwen'] [2]

Allgemeiner Hintergrund über die historische, kontinuierliche Übertragungslinie 
und die heutige Praxisform des vietnamesischen Zen-Buddhismus.

Thích Thanh Từ

NAMO SAKYAMUNI BUDDHA

Wenn wir über die vietnamesische Zen-Tradition in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts [3] sprechen oder in Betracht ziehen, meinen wir eine kontinuierliche, langlebige Tradition, die im Zen-Kloster Chân Không [1970–1986] und im Zen-Klosterzentrum Thường Chiếu [1974–1991] [4], die von uns [Thích Thanh Từ] [5] gegründet wurden und bis zum heutigen Tage ausgeübt wird.

Wir wiederholen und verfolgen nicht die Lehrmeinungen und Praxisformen der späteren, mit der Zeit verzweigten, chinesischen Zen-Traditionen wie 'Tào Ðộng', 'Lâm Tế', 'Quy Ngưỡng', 'Vân Môn', 'Pháp Nhãn' [6]. Aus der über tausend-jährigen geschichtlichen Tradition, seit der Entstehung bis zum kontinuierlichen Fortbestehen der Zen-Traditionen vom damaligen China bis Vietnam – haben wir nur drei von den wichtigsten und bedeutendsten 'Meilensteinen' ausgewählt. Der erste Meilenstein ist der Zweite Patriarch Huệ Khả [7], der zweite Meilenstein ist der Sechste Patriarch Huệ Năng [8] und der dritte Meilenstein ist der Erste Gründer Patriarch Trúc Lâm [9]. Nach aufwendiger Durchsicht und tiefgründlicher Erwägung entschieden wir uns dafür, die innerste Essenz der Weisheit, die Erleuchtung und deren didaktische Anwendung in der Zen-Praxis in einem einheitlichen 'Mittleren-Weg' zu vereinigen. Aus diesem entstand die kristallisierte methodische Zen-Praxis für alle unsere Zen-Klöster-Zentren.


1. Zweite Patriarch Huệ Khả
2. Sechste Patriarch Huệ Năng
3. Erster Gründer-Patriarch Trúc Lâm

Vereinender Zen-Meister Thích Thanh Từ


Zu 1. Der Zweite Patriarch Huệ Khả
[494 – 601]

Nachdem Huệ Khả vom Ur-Patriarchen Mönch Bodhidharma [10] als Schüler aufgenommen wurde, quälte er sich immer noch mit seinem verwirrtem Geist während der ZaZen [Tọa Thiền]-Praxis. Eines Tages äußerte er vor Bodhidharma seine Besorgnis:

– „Verehrter Meister! – Mein Geist bleibt nicht still! Ich habe eine dringliche Bitte, zeigst Du mir bitte eine Methode, den Geist zu stillen?“[11]

Patriarch Bodhidharma schaute ihm ins Gesicht und sagte:
– „Das werde ich für Dich tun: Zeig mir doch Deinen Geist her!?“

Davon war Huệ Khả sehr überrascht, reflektierte für einen Moment in Stille und suchte nach seinem Geist. Vergeblich, auf einmal war dieser ganz und gar spurlos verschwunden! 

Er antwortete:
– „Ich kann meinen Geist nicht wiederfinden!“


Darauf, sagte der Patriarch zu ihm:
– „Da! Gerade habe ich Deinen Geist für Dich gestillt!“

Auf einmal, an Ort und Stelle erkannte Huệ Khả, worum es geht und wo das 'Eingangstor' ist [12]

Huệ Khả's 'Eingangstor-Erkennung' an sich ist eine 'Dharma-Praxis – Ohne-Dharma', ein 'Eingangstor-ohne-Tor' ['Dharma-Adharma'].

Schon seit jeher betrachten wir die stets unterscheidenden und verwirrten Gedanken, als ob diese uns selbst gehörten. Bei Huệ Khả war es auch nicht anders, es war immer dasselbe, eine 'sich ständig wiederholende Prozedur'. Deswegen sind wir besorgt, wenn wir bei unserem ZaZen/ Tọa Thiền [13] es nicht schaffen, den Geist gemäß unserem Willen, auch nur für eine Weile 'still zu halten'. Deswegen ist es für diejenigen, die ernsthaft auf der Suche sind nach einer Dharma-Praxis um den 'Geist still zu halten', eine sehr dringliche Sache – besonders für diejenigen, die sich mit großer Entschlossenheit dem 'Weg der Praxis' widmen.

Hierzu hat Bodhidharma keine einzige Methode gezeigt, sondern nur gesagt: „… zeig mir doch Deinen Geist her!?“. Dies ist ein 'Donnerschlag', der auf einmal, ganz und gar, die seit der Urzeit bestehende Unwissenheit Huệ Khả's vertreibt.

Üblicherweise akzeptieren wir unsere Identifikation mit dem, was ständig etwas denkt. Es ist so, als ob dieser ein fester Bestandteil unseres eigenen Bewußtseins wäre [ohne weiter nachzuforschen]. Wir folgen wehrlos seinen mächtigen Befehlen. Aber sobald wir uns plötzlich auf die Suche nach seinen Spuren machen, 'verschwindet' der Geist auf einmal, wie weggezaubert und hinterlässt keinerlei Spuren. Nachdem der verwirrte Geist keine Spuren mehr hinterlässt, ist unser Geist/Bewußtsein klar und still, oder?

Daher lehrt der Patriarch: „Da – gerade habe ich Deinen Geist für Dich gestillt!“ Huệ Khả musste geistig soweit hellwach und so klar gewesen sein, dass er begriff, was der Patriarch hier gemeint hatte. Denn er erkannte damit das 'Eingangstor'.

Hat damit der Patriarch Bodhidharma irgendeine methodische Praxis für 'das Stillen des Geistes' gezeigt? Falls nicht, weshalb hatte Huệ Khả dann das 'Eingangstor' erkannt? Eindeutig: Dies ist ein 'Stillen des Geistes Dharma – Ohne Dharma' [14].

Sobald wir das 'Licht des Prajna' ['Weisheitslicht' – 'Ánh sáng Trí Tuệ'] auf den verwirrenden Geist ['Vọng Tâm'] ausrichten/projizieren, um diesen zu durchleuchten, um zu erkennen, zu schauen, wie seine eigentliche Gestalt aussieht, verschwindet er sofort. In der Zen-Terminologie nennt man das "Reflektierung / Rückspiegelung / Rück-Fokussierung / Introversion“ [15], u.a. … Wir sagen dazu: "Der Gedanken bewußt – ihnen nicht folgen!"

Wieso wird bei allen 'Zen-Stammhäusern' dieser ständig denkende, unterscheidende Geist nicht geduldet? Weil wir unvermeidlich folgende Fehler begehen, wenn wir ihn 'akzeptieren':
  1. Dieser denkende Geist ist nichts Kontinuierliches, sondern er ist mal da, mal nicht da; dagegen sind wir körperlich und mit unserem Bewußtsein im Wesentlichen kontinuierlich präsent. Wenn wir uns mit ihm identifizieren, sind wir im Dasein, aber was ist im Fall, wenn wir uns nicht mit ihm identifizieren? Existieren wir dann etwa nicht mehr? [16]
  2. Gewöhnlicherweise pendelt 'dieser denkende Geist' hin und her, aber sobald wir diesen rück-reflektieren, auf der Suche nach 'ihm' sind, verschwindet er, so dass weder eine Spur, noch eine Gestalt zu erkennen sind. Wenn dieser wirklich das 'Ich' wäre, wirklich unsere Wahre Natur, dann müsste er kontinuierlich da und jederzeit anwesend sein. Aber nein, im Gegenteil: Sobald er gesucht wird, entschwindet er spurlos. In der Tat ist dieser nur eine Art von imaginärer Abbildung, ein flüchtiger Impuls und trügerischer Schatten. Da wir uns mit dem trügerischen Schatten identifizieren, akzeptieren wir ihn als unser eigenes 'Ich', 'das Selbst', 'die Wahre Natur', usw. Dies ist für die Menschheit eine recht schmerzhafte und leidvolle Täuschung.
  3. Nach wie vor glauben wir alle, dass das 'Ich' im jetzigen Moment dasselbe ist, wie das 'Ich' des vorigen Moments und immer noch dasselbe 'Ich' im zukünftigen Moment sein wird. Wir sind ein einheitliches Eins, von der Kindheit bis zum Greisenalter. Aber dieser, 'unser' denkende Geist, welcher überhäuft ist mit verwirrenden Abbildern und Unterscheidungen, zeigt sich uns, wie wir alle wissen, in hunderten und tausenden Seiten und Facetten. Im verschiedenen Denken sind wir einmal wie ein gütiger Heiliger, einmal wie ein Tiger, ein andermal wie Wölfe, usw. und so fort. Und Jetzt ? Wer und was von alldem sind wir eigentlich?
  4. Während des Denkens wissen wir, dass wir über etwas nachdenken. Wenn wir aber nicht denken, wissen wir auch, dass wir nicht beim Denken sind. Dieser 'etwas Denkende' ist also ein Objekt unserer Bewußtheit. Wenn von einem Objekt die Rede ist, ist dieses ein 'flüchtiger Gast' zu nennen, welcher kommt und geht und sicherlich nicht 'der Hausherr', das 'Ich', das 'Wahre Selbst', usw. Wenn wir von dem 'etwas Denkenden' annehmen, dass es tatsächlich das 'Ich' ist, unser 'Wahres Selbst' [das, was 'Wir' sind], was ist dann der Fall, wenn wir nicht denken? „Wer“ weiß über "wen“, dass hier 'etwas nicht denkt'??? Wenn da noch „Einer“, dem 'etwas bewußt' ist, existiert, und zwar auch während des Nicht-Denkens, wie könnten wir uns noch mit dem, was stets 'etwas Denkendes' ist, als 'Alleinigem', „unserem Wahren Selbst“ identifizieren?

Sich mit den falschen Schatten zu identifizieren, wird im buddhistischen Kanon als "man nimmt einen Feind auf und hält ihn für den eigenen Sohn“ bezeichnet. Die Folge davon ist eine unvorstellbare Katastrophe. Daher belehrt uns der Buddha mit all den vielen Belehrungsmitteln und der Dharma-Praxis, immer rund um diesen 'Dreh- und Angelpunkt' rotierend: “dem zerstreuten, verwirrten Geist einen Riegel vorzuschieben“. Etwa durch Achtsamkeit beim Sutren zitieren, beim konzentrierten Verinnerlichen von visualisierten Bildnissen des Buddha, beim ZaZen [Tọa Thiền], wo es das Ziel ist, den Rechten-Samadhi zu erreichen, usw. …

Was hier als Besonderheit des Zen-Pfades gilt, ist, dass die Patriarchen nicht Mittel von Gewalt und Unterdrückung benutzen, um mit dem verwirrten Geist 'umzugehen', ihn abzuhalten, ihn niederzudrücken, sondern nur mit voller Beleuchtungskraft der Erkenntnis beleuchten, bis man zum letztendlichen Schein seiner Manifestation vordringen, bis dieser in sich zusammenfällt und für die Untaten nicht mehr fähig ist. Und dafür genügt allein der Satz Bodhidharmas:

„Das werde ich für Dich tun, zeig mir doch Deinen Geist her!?“ Dies schildert vollständig den Wesenskern des obig genannten 'Dharma-Pfades'.

Jemand, der das 'Eingangstor' erkannt hat, ist noch lange nicht jemand, der zuhause angekommen ist. Noch eine lange Zeit wird vergehen, eine beachtliche Zeit wird nötig sein, um – wie eines Tages Huệ Khả – zu Bodhidharma sagen zu können:
– „Ab hier lasse ich nun endgültig alle Illusionen hinter mir!“

Daraufhin prüfte ihn Bodhidharma:
– „Fällst Du etwa in die völlig verlöschende Vernichtung, ins Nichts hinein?“[17]

Huệ Khả antworte:
– „ Ich falle nicht hinein!“

Bodhidharma fragte:
– „Wie hast Du das denn gemacht?“

Huệ Khả:
– „Mein Geist ist so rein und klar, fortwährend bin ich mir dessen bewußt. Mit all der Rederei ist es nicht zu erfassen, schon gar nicht wiederzugeben! Dies ist jenseits von allem Begrifflichen!“

Bodhidharma bestätigte:
– „Dies ist genau 'der Pfad'! Die Übertragungsessenz aller Buddhas! Hiermit endet Dein Zweifel!“

Erst hier an dieser Stelle gilt er ohne Zweifel zutreffend als ein „Heimkehrer, der daheim angekommen ist.“

Kurz vor seinem Hinscheiden bestätigte Bodhidharma nochmals den 'Erkenntnisstand' aller Schüler. Als Huệ Khả an der Reihe war, trat er aus der Reihe nur nach vorn, verbeugte sich dreimal, trat dann aber wieder zurück.

Bodhidharma bestätigte:
– „Du! Der Du das Rückenmark meines körperlichen Überrests erhältst!“

Wenn es um Wiedergabe und Interpretationen der letzten aller transzendentalen Dimensionen geht, wird weder sprachliches noch begriffliches mehr 'zugelassen'. Da Sprache und Begriffe nur Mittel sind, verbleiben diese auf 'der Seite' des 'Relativen' und sind niemals fähig, 'darüber hinaus' zu gehen, also 'das Wahre Absolute' wiederzugeben. Damals wurde auf Huệ Khả das Buddha-Gewand und die Bettelschale übertragen und er galt als der Zweite Patriarch im Reich der Mitte.



Zu 2. Der Sechste Patriarch Huệ Năng
[638 – 713]

Die erste 'Blitz-Erkenntnis' [18] des Patriarchen Huệ Năng erfolgte durch das Hören des Prajnaparamita Diamant-Sutra [19], nachdem er mit Erlaubnis des Fünften Patriarchen Hoằng Nhẫn dessen Privatzimmer betreten hatte und über 'Das Diamant-Sutra' unterrichtet worden war. An der Stelle, wo der ehrwürdige Subhuti fragte: “Während man den Bodhicita-Geist ernsthaft zu erwecken sucht, um den höchsten vollkommenen, unübertrefflichen 'Anuttara-Samyak-Sambodhi-cita'-Geist [Cita: 'Geist'] zu erlangen, auf welche Weise ist der Geist zu beherrschen?“

Da antwortete der Buddha:
– „Kein Stützen auf irgendeine Form! Auf keinen Klang, keinen Geruch, keinen Geschmack, nichts Berührbares, kein Objekt des Geistes – gar kein Dharma! Ganz und gar ohne jegliches Stützen auf irgendetwas, um jenen Geist zu erwecken!“

Somit geschah der Durchbruch. Huệ Năng erlangte plötzlich die 'Große Erleuchtung'. Vor lauter Bewunderung bricht es aus ihm heraus:

– „Oh Wunder! Wer hätte das schon gewusst!? Dass mein 'Ureigenes, Wahres Selbst' immer schon von sich selbst aus rein und klar gewesen ist!“

– „Oh Wunder! Wer hätte das schon gewusst!? Dass mein 'Ureigenes, Wahres Selbst' [Bản Tâm] immer schon von sich selbst aus, frei von Geburt und Tod, aus sich selbst heraus vollkommen und unerschütterlich gewesen ist!“

– „Oh Wunder! Wer hätte das schon gewusst!? Dass es immer schon so gewesen ist, dass mein 'Ureigenes, Wahres Selbst' alle Dharma hervorgebrachten hat!“

Der Fünfte Patriarch fügte hinzu:
– „Für denjenigen, dem sein 'Ureigenes, Wahres Selbst' ['Bản Tâm'] unerkannt bleibt, ist es doch sinnlos, Dharma zu erlernen! Falls andererseits: 'Dieser' [das 'Ureigene, Wahre Selbst'] erkennt und 'dieses' 'verwirklicht' hätte, würde er Erleuchteter / Weiser / Meister aller Devas, Menschen oder Buddha, usw. …genannt werden.“ Danach erhält Huệ Năng das Gewand und die Bettelschale Buddhas vom Fünften Patriarchen weitergereicht und übernimmt damit die Funktion des Sechsten Patriarchen.

Die kurz zusammengefasste Historie über Huệ Năngs Erleuchtungsmoment weist uns auf 'das Herz des Prajnaparamitas' hin. Falls man bei den 'Sechs Sinnesbereichen' nicht an ihren begehrten Objekt anhaftend bleibt [sich nicht auf sie stützen würde], man bereits auf dem Weg wäre, den höchsten vollkommenen, unübertrefflichen 'Anuttara-Samyak-Sambodhi-cita'-Geist zu erwecken. Der Sechste Patriarch bleibt aber nicht an der Stelle des Anhaftens und Stützens hängen, sondern dringt direkt in den Wesenskern seines eigenen „ewig von Geburt und Tod freien“ 'Reinen Geist' vor. Genau 'dieser Hausherr', jenseits aller transzendentalen Dimensionen, der 'Urgrund des Ur-Anfangs', auch 'Ur-Wahres-Gesicht', auch 'Dharma-Grund', etc. genannt, lebt bereits seit anfangslosen Zeiten in jedem von uns inne. Genau an dieser Stelle bis auf den Grund durchzublicken und 'dieses' 'lebendig zu erleben', gilt als 'Blitz-Erkenntnis' – als 'Dharma-Wesenskern-Erkennung'. Der Sechste Patriarch hatte diesen Stand erlangt und gemeistert, aber auch die sichere Weiterübertragung an die Nachkommen sowie didaktische Mittel angewandt und Lehrwerke entwickelt.

Er ergründete 'Drei Stützenlose Grundsätze' – „Tam Vô“ / 'Drei Leeren' [20]: [Nach dem Sechsten Patriarchen – Kommentar/Auslegung – 'Dharma Schätze-Podium-Sutra' – 'Pháp Bảo Ðàn-Kinh'. Teil: 'Samadhi-Weisheit']:
  1. 'Innen' / Subjekt: Sich von jeglichen imaginären Denkimpulsen, 'Außen' / gegenüber Objekt: von keinen äußeren Erscheinungsformen beeindrucken zu lassen. Dies ist die allgemeine Grundlage der Praxis: 'Vô Niệm' / Denkimpuls-Leere
  2. Sich nicht auf irgendein äußerliches Dharma, welches sich durch Form oder Nicht-Form manifestiert, stützen. Da Formlose-Dharmas gleich dem Ur-Reinen-Wahren-Dharma sind: 'Vô Tướng' / Formen-Leere
  3. Gegenüber allen Dharmas stets und kontinuierlich, sich nicht auf diese zu stützen, nicht an ihnen anhaftend bleiben, nicht innehaltend, in / mit nichts verharrend sein: 'Vô Trụ' / Verharren-Leere
  • Trübung: Sich von keinem Dharma trüben lassen.
  • Anhaftung: An keiner Form und Erscheinungen hängen bleiben oder anhaften.
  • Verharrung: Sich nicht auf Dharma stützen, nicht in / mit ihnen verharren.
Dies ist die 'Kompassnadel' des Sechsten Patriarchen. Sich nicht trüben zu lassen, nicht anzuhaften und zwar vor allem genau dort, wo die 'Sechs Sinneswahrnehmungsbereiche' in Kontakt mit den jeweils sechs dazugehörigen Objekten ['staubigen Dharma'] kommen, ist bereits 'Thiền Ðịnh / Dhyana / Samadhi / Zen'. Und zwar in direkter Konfrontation mit all den 'staubigen', verführerischen und trügerischen Weltbildern, mitten im jetzigen, weltlichen Leben, ohne flüchten zu müssen oder zu entkommen zu versuchen, um erst dann den Geist stillen zu können, wie es bei den üblichen Zen-Methoden der Fall ist.


Zu 3. Der Gründer-Patriarch Trúc Lâm
[1258 – 1308]

Unter der hervorragenden Ausbildung des Hof-Großgelehrten Tuệ Trung Thượng Sỹ [21] [Trần Tung – 1230–1291] hatte der König Trần Nhân Tông – als er noch ein Prinz war – bereits die tiefste Essenz des Zen vollkommen erkannt. Nachdem er seinen eigenen machtvollen königlichen Thron verließ, entschied er sich für ein besitzloses Leben als Mönch, unter dem Name 'Befreite Wolke – Der Häuptling' [Hương Vân - Ðại Ðầu Ðà]. Er hatte Zen-Schulen wie Vinidaruci, Vô Ngôn Thông, Thảo Ðường, welche damals in Vietnam verbreitet waren, gründlich systematisiert und vereinigt und gründete daraus die geeinigte Zen-Schule, die „Bambuswald - Yên Tử“ [Trúc Lâm Yên Tử] [22]. Dies ist eine völlig vietnamesische Zen-Schule, die authentisch, auf das Wesentliche konzentriert und für die Zen-Tradition maßgebend ist.

Wir stellen hier nur zwei Besonderheiten aus seinem Lehrgebäude als Standard für die Zen- Praxis vor: 

Die Erste ist dem 9 Strophen Vers 'Hier – Ja, Da – Nein' in zusammen gefasster Form [in der Originalfassung hat jeder Vers je vier Zeilen [23]]:


1 „Hier – Ja, Da – Nein, Sein oder Nicht Sein? Streitsüchtige, nutzlose Mönche – Ihr verwundet Euch erst selber, dann andere. Ihr werdet richtig bitterlich enttäuscht werden! 

2 „Hier – Ja, Da – Nein, Sein – Nicht Sein? Alles sind ewige leere Wörter!“ Und die Massen irren immer noch in dem wörtlich / begrifflichen Dschungel ['Lanze und Säbelwald'] herum. 

3 „Hier – Ja, Da – Nein, Sein – Nicht Sein? Dafür wanderten sie durch Berge und Flüsse, letzten Endes führt die mühselige Suche in die Irre.“ 

4 „Hier – Ja, Da – Nein, Sein vielleicht doch Nicht-Nicht-Sein? Zu weit weggerutscht, um zurückzukehren? Mit sinnloser Anstrengung und Alchemie, zu viel Wirbel um Nichts!“

5 „Hier – Ja, Da – Nein, Sein – Nicht Sein? Falsche Erwartungen und Vorstellungen!“ 

6 „Hier – Ja, Da – Nein, Sein – Nicht Sein? Statt das Mondlicht zu genießen, analysiert man den auf den Mond gerichteten Zeigefinger. Daher „bringen sie sich selbst zum Fallen auf den flachen, blanken Boden“. 

7 „Ob Ja – Nein, Sein oder Nicht Sein, die Soheit – Tathagatha“ ist und war „Einfach so! Immer so!“, Das 'Wahre-Selbst-Phänomen' ist doch „an sich selbst“ nirgends irgendwie verborgen sondern stets „direkt vor der Nase“! Worauf wartet man dann noch? Anstatt 'zuzugreifen'? 

8 „Hier – Ja, Da – Nein, Sein – Nicht Sein? Flinke Schnäbel sind Wortverdreher und Sophisten, lauter Geschwätz, was für ein Lärm beim Tauziehen! 

9 „Hier – Ja, Da – Nein, Sein – Nicht Sein – Das letzte Ende ewige leidvolle Verzweiflung und Enttäuschung! Halt! „Lass all das ein für allemal hinter Dir! Schneidet das Tau messerscharf durch!“ „Ist man rundum befreit, wird man sehr heiter und dafür dankbar sein!“ 



Die dualistische Sichtweise führt die Leute in die Irre und ins Leid! 

  • Diese dualistische Sichtsweise ist in unzähligen Erscheinungsformen und Gegebenheiten vertreten, aber dennoch lassen sich alle erkennen: „Ja – Nein“, „Sein – Nicht-Sein“, samt „Nicht-Nicht-Sein“, „Recht – Unrecht“, „Überlegenheit – Schwäche“, „Vorteil – Nachteil“, „Wesentlich – Unbedeutsam“, „Gut – Böse“, „Gewinn – Verlust“, „Schön – Hässlich“, „Heil – Unheil“, … und so weiter und so fort …!
  • Diese dualistische Sichtsweise ist die Ursache aller endlosen Wortgefechte, der Keim von Streiterei und Krieg. Denn, wenn der Samen des Hasses keimt, so reifen die Früchte des Leides heran. Letztendlich bleibt dann das Tor zum Wahren Selbst verborgen.
  • Wer fähig ist 'loszulassen bzw. aufzugeben', auf das ganze dualistische Anhaften zu verzichten, „wird rundum befreit, sehr heiter und dankbar sein“! 
Genau an dieser Stelle, dem 9. Abschnitt des Verses findet man das, was der Zweite Patriarch einst benutzte, um seinen 'Erkenntnisstand' durch drei 'wortlose Verbeugungen' zum Ausdruck zu bringen. Nicht an dualistischen Sichtweisen haften zu bleiben, ist Grundlage des Zen, dem 'Mittleren Weg' des Buddhismus.

Der Zweite ist der Schlussvers eines berühmtes Gedichtes:

'Vergnügt auf dem Weg – mitten im Samsara'
kurz: "Der Weg im Samsara"
vom Gründer-Patriarch Trúc Lâm

”Hier Samsara, heiter auf Mittlerem Weg, lass alles 'So-Kommen' !
Wenn hungrig dann iss, ebenso müde, schlafen !
Schätze leuchten im Haus, suche nicht draußen !
Aller Schein mit 'leerer Geist' erblickt, so frage nicht nach Zen !"

Allein schon die letzten zwei Zeilen vereinen auf wunderbare Weise [sinnbildlich] die erleuchtete Erkenntnis, das Ziel der Belehrung und der Praxis des Sechsten Patriarchen.

'Der Edeljuwel', welcher im Haus bereits existiert, ist genau an jener Stelle zu finden, wo der Sechste Patriarch einst vor lauter Bewunderung ausrief: „Oh Wunder! Wer hätte das schon gedacht!? Dass mein 'Ureigenes, Wahres Selbst' immer schon von sich selbst aus rein und klar gewesen war!“ …

Zen ist:
'Trotz aller aufkommender Illusionen, 
einen ungetrübten Geist zu behalten.'


'Befleckte Gedanken' gibt es natürlich auch nicht mehr, da die Gedanken längst nicht mehr in Verwirrung sind. Ein ungetrübter, gereifter Bewußtseinszustand [Acita – Vô Tâm] lässt sich nicht mehr von äußerlichen imaginären Abbildern / Illusionen beeindrucken. Wenn wir kontinuierlich auf Formen verzichten, 'verschwinden' schließlich Formen ["Von allen Formen restlos leer geleert"]. Ohne einen getrübten Geist [Subjekt] ist ein Anhaften an irgendwelchen Objekten nicht mehr begründbar – mit dem Stützen [auf Dharma] verhält es sich eben so. Die letzten zwei Zeilen beinhalten die gesamten Grundsätze des Lehrgebäudes des Sechsten Patriarchen.

'Zen ist, sich von sämtlichen Abbildern und Illusionen nicht mehr beeindrucken zu lassen, nicht mehr daran hängen zu bleiben, nicht mehr daran anhaftend zu bleiben'. Dies ist der authentische, genau begründete Leitfaden des Sechsten Patriarchen.

'Befreite Wolke – Der Häuptling' hatte somit auf einer wunderbaren authentischen Weise die Erkenntnis des Erleuchteten und die Praxis seines Meisters – des Sechsten Patriarchen – erhalten und angewandt.

Wir sind die Praktizierenden der nachkommenden Generationen und dürfen uns schon geehrt fühlen, dass in Vietnam eine Zen-Strömung weiterübertragen wurde und fortlebt, welche noch die vollständige Struktur und Prägung des 'Siegeldruckes' Buddhas und der vorangegangenen Patriarchen aufweist. Sie haben auf exzellenteste Weise den Praxis-Wesenskern der Vorangegangenen aufgenommen und vereinigt. Sie ist würdig, als maßgebende Kompassnadel für uns, den vietnamesischen Zen-Praktizierenden, zu gelten.



Die Vereinigung:
Vereinender Zen-Meister Thích Thanh Từ

Wir vereinten wie folgt die Dharma-Praxis der drei obigen Patriarchen in einer konkreten methodischen Praxis [Hier befinden wir uns zunächst weiterhin auf dem 'theoretischen', richtungsweisenden Sektor – Anmerkung des Übersetzers]:

– Beim Zweiten Patriarchen setzen wir das 'Geist-Stillen-Dharma' ein.

Konkret bedeutet das: Erkennen wir ganz genau, sehen wir ein, dass der Unterscheidende Geist eigentlich auch Schein und Illusionen ist. Lassen wir uns nicht mehr davon täuschen, nicht mehr von Schein, Abbildern und Illusionen ziellos in die Irre führen. 

Daher sagen wir:

"Der Gedanken bewußt – ihnen nicht folgen".

Jedes Mal, auch wenn ein winzig kleines Abbild im Geist auftaucht, nehmen wir dieses ganz genau wahr. Wenn Ihr Praktizierende, einmal tiefgründig dieses letztendliche Wesen, welches von imaginärem Schein charakterisiert ist, erkennt, wird es von selbst verschwinden. Beim ZaZen [Tọa Thiền], genau wie bei all den Tätigkeiten des Alltages, nehmt Ihr mit klarem Bewußtsein alles ganz genau wahr, so wie es ist und nichts entwischen zu lassen. Irgendwann, werden wir eines Tages soweit sein wie der Zweite Patriarch, der einst sagte: „Ab hier lasse ich nun endgültig alle Illusionen hinter mir!“

Und doch „… rein und klar, fortwährend dessen bewußt. Mit all dem Gerede ist es nicht zu erfassen, schon gar nicht wiederzugeben!“ Dann seid Ihr 'Zuhause angekommen'!

Es ist leicht gesagt, imaginäre Abbilder, Illusionen und sämtliche Arten von anderen Verwirrungen hinter sich zu lassen, aber nicht so leicht dieses auch umzusetzen. Sobald etwas davon gerade aufgehört hat, taucht schon das Nächste auf, eines nach dem anderen, permanent erscheinen sie ständig abwechselnd auf der 'Geist-Leinwand', scheinbar ohne Ende. Ihr solltet schon sehr viel Ausdauer haben, mit unerschütterlicher Geduld stets zu beobachten, stets zu beleuchten. Erst dann werden sie abwechselnd langsam, einer nach dem anderen, nicht mehr so häufig vorkommen und der Erscheinungsintervall lässt auch an Intensität nach. Den flüchtigen Schein für den eigenen 'Wahren Geist' zu halten, ist Verblendung. Zu erkennen, dass der flüchtige Geist reine Illusion ist, da ist nichts Wahres daran, ist Erwachtes-Bewußt-Sein. Im Prinzip wird diese Dharma-Praxis, eine transzendentale Funktion der Weisheit [24] eingesetzt, um die 'Verfinsterung des Geistes, Tag ein, Tag aus, mit dem Licht fusionieren zu lassen', und mit nichts anderem, etwa einer Methode, mit gewaltsamem Mittel die Abbilder etc. „zu verformen“, „zu beseitigen“ oder gar „zu unterdrücken“. Daher nennen wir es 'Geist-Stillen-Dharma – Ohne Dharma', oder ein 'Eingangstor ohne Tor'. Sobald die Unwissenheit nicht mehr da ist, tauchen Abbilder und Illusionen nicht mehr auf, bleibt diese Funktion der Weisheit auch 'still', da ihre Arbeit erledigt ist. Wie es in der 'Zehnteiligen Bilderserie - Der Büffelhirt' bildlich dargestellt wird: Sobald der Büffel nicht mehr existiert, wird kein Hirte mehr benötigt. Wenn jetzt dieser Funktion der Weisheit keine Aufgaben mehr entgegensteht, vereint sich diese im Nu wieder mit seinem Ursprung, der transzendentalen, höchsten, vollkommenen Weisheit.

– Vom Sechsten Patriarchen setzen wir das "… die 'Sechs Sinneswahrnehmungsbereiche' nicht an den sechs jeweils entsprechenden Objekten anhaftend lassen" ein. Dies ist der Satz aus dem Prajnaparamita-Diamant-Sutra: 'Kein Stützen auf irgendeine Form! Keinen Klang, keinen Geruch … ', so wie der Fünfte Patriarch den Sechsten Patriarchen unterrichtet hatte. Aber wie ist es möglich, dass die 'Sechs Sinneswahrnehmungsbereiche' nicht an den sechs jeweils entsprechenden Objekten anhaften könnten? Hier muss natürlich Prajnaparamita-Weisheit eingesetzt werden, um zu erkennen, dass alle Dharma gegenseitig bedingt entstanden sind, nichts an sich wahrhaftig ist, alles ist unbeständig – wie Schein, wie Trugbilder. Daher nimmt in dem Dharma-Schätze-Sutra [Pháp Bảo Ðàn Kinh] der Prajnaparamita-Teil eine der wichtigsten Bedeutungen ein. Dank der Prajna-Weisheit-Beleuchtungskraft erkennen wir, dass alle Dharma bedingt entstanden sind, an sich kein Selbst besitzen, unbestimmt, unbeständig, vergänglich sind. Dadurch haftet der Geist nicht mehr an Formen, Tönen, Düften, … [so hat er es gelernt und eingesehen] und die Folge ist, dass die 'Sechs Sinneswahrnehmungsbereiche' jetzt nicht mehr, mit den sechs ihnen jeweils entsprechenden Objekten anhaften werden, so wie es immer der Fall war.
  • Trübung: Sich von keinem Dharma trüben lassen.
  • Anhaftung: An keiner Form und Erscheinungen hängen bleiben oder anhaften.
  • Verharrung: Sich nicht auf Dharma stützen, nicht in / mit ihnen verharren.

Dies ist die authentische, begründete Lehr-Hauptgrundlage des Sechsten Patriarchen.



Oder es gibt noch einen anderen Weg, wenn Ihr – Praktizierenden – selbst, wie einst der Sechste Patriarch, das eigene 'Wahre Selbst' erkennt, stets und kontinuierlich vereint mit dem eigenen 'Wahren Selbst ohne Geburt und Tod' 'lebt'. Es wird dann für all die trügerischen Abbilder, den sechs scheinbar zusammengefügten Objekten … keinen Platz mehr in eurem Geist geben und man wird sich auch nicht darum kümmern müssen. Beim Gehen, Stehen, Liegen, Sitzen verlässt einen in keinem Atemzug das eigene 'Wahre Selbst'. Wenn dies der Fall ist, werdet Ihr richtig gelassen, selbstsicher und frei sein. Daher sagen wir: "Wenn hungrig dann iss, ebenso müde schlafen!"



– Bezüglich dem Gründer-Patriarchen Trúc Lâm wurde dies schon sehr deutlich im Vers „Hier – Ja, Da – Nein“ aufgezeigt. Dieser zeigt den 'Prajna-Geist' des Sechsten Patriarchen auf, dass alle Dharma trügerisch sind, vergänglich wie 'ein Hut aus Eis', 'ein Schuh aus Blumen', der sich nur für sehr kurze Zeit manifestiert, gerade noch ist es schön, im nächsten Moment schon verwelkt, nichts ist von Dauer. Wer krampfhaft versucht, alle solche Momente festzuhalten, ist wirklich sehr unklug. Alle dualistisch, bedingt-entstandenen Dharma sind nicht wahrhaftig, da sie zeitlich begrenzt sind, provisorisch, situationsbedingt und didaktisch aufgestellt. Wie ein Unkraut, eine Schlingpflanze, wie das Tau beim Tauziehen, wenn einmal "… Schneidet das Tau messerscharf durch!" "Ist man rundum befreit, wird man sehr heiter und dafür dankbar sein!“ Dies ist die wesentliche Bedeutung der letzten zwei Zeilen des obigen Verses [Hier Strophe Nr. 9].



Schon anzufangen zu überlegen, ist bereits dualistisch, auch nur ein Wort, gerade ausgesprochen, ist bereits dualistisch. Wenn nun alle dualistischen Vorgänge strickt abgeschnitten bleiben, wird es auch keine Abbilder / Illusionen aller Art mehr geben, die sich schleichend manifestieren. Auch kein einziges Wort wird mehr benötigt. Das bedeutet 'mit Zen vereint zu leben'.



– Jetzt ist der Vers „Hier Samsara, heiter auf Mittlerem Weg, lass alles 'So-Kommen' !“ dran. In den letzten beiden Zeilen heißt es:


"Schätze leuchten im Haus, suche nicht draußen !
Aller Schein mit 'leerer Geist' erblickt, so frage nicht nach Zen !"


Die bildliche Darstellung hier ist eindeutig. Wir bestätigen, dass dies genau der Moment ist, bei dem der Sechsten Patriarchen einst vor lauter Bewunderung ausbrach:

– „Oh Wunder! Wer hätte das schon gewusst!? Dass mein 'Ureigenes, Wahres Selbst' immer schon von sich selbst aus rein und klar gewesen war!“


Das tiefgründige Erkennen des eigenen 'Wahren Selbst' wird hier bildlich dargestellt als: Wenn man den mit keinem Schatz vergleichbaren, allerwertvollsten Juwel, der schon immer “bereits im Haus“ vorhanden war, entdeckt hat, wozu dann noch mühsam irgendwo außerhalb suchen!?



Erkennen wir einerseits, dass das eigene 'Wahre Selbst' von sich selbst aus rein und klar ist, jenseits von Geburt und Tod und vergleichen wir es andererseits mit einem kurzlebigen, vergänglichen Leib, dazu ein zerstreuter Geist mit lauter Abbildern samt trügerischen Illusionen. Erkennen wir erschreckend – erwachend, das sich daraus ergebende Resultat und stellen wir uns selbst die Frage, von welchem Wert dieser vergängliche Geist und Leib ist und welche Position er gegenüber der anderen Seite noch einnimmt?

Subjektiv betrachtet: Nicht an den Leib klammern, nicht an Illusionen haften, so als ob diese die wahre eigene Person wären.

Objektiv betrachtet: An all den Abbildern und Illusionen nicht mehr anhaftend bleiben.

Dies ist die Grundlage des Zen, Wurzel und Quelle der Buddha-Dharma-Lehre.



Hier setzen wir den 'gegenüber Illusionen ungetrübten Geist' als Standard für die Praxis ein ["Aller Schein mit 'leerer Geist' erblickt"]. Hier ist ausdrücklich zu betonen: 'leerer Geist' [25] bedeutet hier: 'leer' von einem verwirrten Geist, der ständig Scheinbildern und Illusionen, etc. hinterherjagt und bedeutet nicht, dass man 'ohne Geist', wie etwa regungslos, reflektionsunfähig und bewußtlos wie Holz und Stein dasteht. 'Ohne' bedeutet hier: ohne den trügerischen, vergänglichen Geist, aber dennoch ein 'Geist', der stets beleuchtet, reflektiert und sich kontinuierlich über sämtliches Geschehen bewußt ist und frei von 'Tod und Geburt', existiert. Für einen Praktizierenden, der Buddhas 'Mittlerem Weg' folgt, ist dies das 'Tor', das zur Befreiung führt und alle 'Tode und Geburten' hinter sich lässt.



Nachdem der Zweite Patriarch Huệ Khả den Wesenskern des 'Wahren Dharma' erkannt hatte, erhielt er vom Bodhidharma-Patriarchen noch vier 'Lankavatara-Sutra-Bände' überreicht, als maßgebendes Standardwerk zur Qualifikation – als eine Art 'Geist-Siegel' bezeichnet. Der Sechste Patriarch Huệ Năng erkennt den Wesenskern des 'Wahren Dharma' auch durch das Hören des 'Prajnaparamita-Diamant-Sutra'. Dies beweist einleuchtend die Tatsache, dass sich Zen und Buddhas Worte [26] gegenseitig ergänzen und unzertrennlich sind und nicht etwa unbegründet entstanden sind. Denn das Zen [Thiền] [27] ist die 'Kristallisation' des Buddha-Geistes und die kanonische Schriftensammlung, Belehrung, etc. [Dharma-Lehre] entstammen ursprünglich Buddhas mündlichen Worten. Wenn der Buddha sich zwischen Denken und Aussage nie widerspricht, wie könnte man Zen und Dharma-Lehre voneinander trennen? Wie könnten sie unabhängig voneinander existieren? Daher verstehen wir Zen und Dharma-Lehre als unzertrennliche Bestandteile der Praxis – als 'zwei Flügel eines Vogel' sozusagen.

           
Zur Verdeutlichung fassen wir nochmals die Vereinigung wie folgt zusammen:
  1. Der Gedanken bewußt [Erkennt die 'Abbilder / Illusionen'] [28], aber folgt ihnen nicht nach! Weil diese gedanklicher, illusorischer und imaginärer Schein sind. 
  2. Gegenüber allen aufkommenden Abbildern / Illusionen [Schein] 'ohne getrübten Geist' [29] bleiben! Weil diese aus provisorisch zusammengefügten Manifestationen resultieren, flüchtig und trügerisch sind. 
  3. Nicht an dualistischen Anhaftungen hängen bleiben. Weil Dualismus nicht zur Wahrheit führt. 
  4. Stets bewußt sein, kontinuierlich mit dem eigenen 'Wahren Selbst' leben, nicht dem Unwahren Schein hinterher folgen. Weil alles Unwahres Wiedergeburt verursacht. Das Wahre ist bereits die 'Wahre Befreiung'. 
Die Vier oben genannten, zusammengefassten, wegweisenden Richtlinien sind von uns aus verschiedenen Gründen nur als grobe Richtlinien zu betrachten, daher sind sie flexibele Wegweiser in der Zen-Praxis für die Zen-Praktizierenden. In der Realität wird bei der Zen-Praxis die Umsetzung von Fall zu Fall auch verschieden sein können, es hängt vom jeweiligen Aufnahmevermögen und vom tatsächlichen Entwicklungsstand des Zen-Praktizierenden ab, wonach sie ausgerichtet werden müssen. 

Es könnte aber auch so sein, Ihr Zen-Praktizierenden [30]: "Die oben genannten 4 Richtlinien könnt Ihr auch für Euch so flexibel halten und situationsangepasst umsetzen, aber empfehlenswert ist es, sie sorgfältig der Reihe nach anzuwenden".
NAMO SAKYAMUNI BUDDHA


[Auszüge aus dem Buch „Thiền tông Việt Nam cuối thế kỷ 20“,
Seite 46-61, Autor Thích Thanh Từ]



***

FUSSNOTEN:

[1] 'Thiền-na': 'Dhyana' [sankr.], 'Thiền na' [vietn.], 'Zen-na' [jap. Umlaut], 'Chan-na' [chin. Umlaut], 'Son-na' [korea. Umlaut]; Kurz: 'Thiền', 'Zen', 'Chan', 'Son'. 
'Tông' [vietn.] – Hier:'Stammhaus/Schule' / 'Strömung'/'Tradition': mit bestimmter Prägung/Stil entwickelte oder entstandene Meinung/Lehrgebäude bzw. Schulrichtung. Der Vietnamesische Buddhismus ist Zen-Buddhismus [überwiegend vom Zen geprägt]. Siehe auch: 'METHODIK DES ZAZEN'

[2] Auch 'Zen des brüllenden Löwen' oder „Zen des obersten Wagens“, „Buddhayana-Zen“, "Patriarchen-Zen", u.a. genannt.

[3] Auszug aus dem Buch 'Thiền tông Việt nam cuối thế kỷ 20'. Seite 46-61 – Autor Thích Thanh Từ [1998]

[4] Bis zum heutigen Datum 2007 sind über 30 national und internationale, offizielle Tempelklöster und klösterliche Zen-Zentren entstanden. Siehe: www.thientongvietnam.net und www.bambuswaldzen.de/ZEN-KLOeSTER

[5] 'Hòa Thượng': Oberster Abt, Thiền Sư [vietn.] Zen-Meister. Siehe 'Thích Thanh Từ - Eine Biographie'. Unter: www.bambuswaldzen.de/OBERSTER-ABT

[6] ['Guiyang'], 'Linji' ['Rinzei'], 'Caodong' ['Soto'], 'Yünmen, 'Fayan'... Siehe Überlieferungslinie mit tabellarischer Darstellung.

[7] 'Hui Kha' [chin. Umlaut]:  ['der Weise / Fähige'], siehe Übertragungslinie mit tabellarischer Darstellung.

[8] 'Hui Neng' [chin. Umlaut]: War der sechste und letzte Patriarch des 'Ch´an' [vietn. 'Thien', jap. 'Zen'] in China. Siehe 'Dharma-Schätze-Sutra' – „Lục Tổ - Pháp Bảo Ðàn - Kinh“ [vietn.], oder „Liu-tsu-ta-shih fa-pao-t´an-ching“ [chin. Umlaut]: "Des Sechsten Patriarchen Sutra [gesprochen] vom Hohen Sitz des Dharma-Schatzes", auch „Podium-Sutra“ etc. Siehe Tabellen unter 'Patriarchen-Zen'; Zu empfehlende Zen-Literatur: 'Das Sutra des Sechsten Patriarchen'. Kommentar durch jap. Zen-Meister Soko Morinaga Roshi. Übersetzt von Ursula Jarand. Otto Willhelm Barth Verlag. I. Auflage 1989.

[9] Der Khương Tăng Hội [ca. 300 Jahre vor Bodhidharma] gilt als Ur-Zen Patriarch des vietnamesischen Buddhismus. Siehe Tabelle unter 'Patriarchen Zen' bei www.bambuswaldzen.de

[10] Siehe Tabelle und Buch 'Bi Yän Lu', ['Bích Nham Lục' – vietn.] der Autor Zen-Meister Yüan-Wu, Übersetzung aus dem chinesischen von Wilhelm Gundert [deutsche Ausgabe Leipzig, 1967 oder bei Marix Verlag, Wiesbaden 2005] bzw. von Ernst Schwarz, Bi-Yän-Lu, Koan-Sammlung vom Kösel Verlag 1999. Vietnamesischer Übersetzung von Thich Thanh Từ - Süd-Vietnam 1980.

[11] 'Um den Geist zu stillen / zu beherrschen / abzuschneiden', ein 'Dharma-Hindernisfreies Tor'?

[12] 'Pháp Môn' [vietn.] – 'Dharma-Hindernisfreies Tor' [Hier: 'Methodik', 'Lehre']

[13] 'ZaZen' [jap. Umlaut], 'Tọa-Thiền' [vietn.]: 'Sitz-Zen'; 'Tọa' - 'sitzend'.

[14] 'Dharma' [Sanskrit] ist ein multifunktionaler, sehr flexibler Begriff: „Das, was in sich selbst, durch sich selbst, an sich und als sein eigenes Gesetz existiert. <Natur> umschreibt alle Dinge sowohl menschlicher, als auch nicht-menschlicher Art. Hier im Satz: 'Methoden', 'Prinzip', 'Lehre' …

[15] „Der Vorgang, bei dem die 'Bewußtheit des Geistes' im Vordergrund / also dominant aktiv ist [anstatt der Denkimpulse], die Gelegenheit hat, sämtliches 'Geschehen' der 6. und 7. Funktion [Hier auf das Denken und dem Wahrnehmungsbereich bezogen] des Geist-Bewußtsein zu beleuchten und schließlich sich seiner selbst 'bewußt' ist“.

[16] Motto des Philosophen René Descartes: "Ich denke, also bin ich."; Darauf der Zen-Meister: „Ich denke nicht, wo bin ich denn dann?“

[17] Der Begriff 'nihilistisch' [sarkastisch gemeint] dient hier allerdings auch nur als eine zusätzliche Annäherung zum besseren Verständnis, um das mitschwingende Missverständnis, dass das 'Nirwana' die 'totale Vernichtung', 'Verlöschen' oder 'tödliche Leerheit' oder 'Nichts', etc. bedeuten würde, zu vermeiden.

[18] Bei fortgeschrittener Praxis wird über verschiedene Arten, Grade, Stadien und Intensitäten der 'Erkenntnis' mit deutlicheren Benennungen naheführender gelehrt.

[19] 'Das Diamant-Sutra' : 'Kinh Kim Cang' [vietn.].

[20] 'Tam Vô': [vietn.] 'Drei Stützenlose Grundsätze'.

[21] 'Thượng-Sỹ': Eines der höchst-ehrenwürdigsten Titel des damaligen königlichen Beamtensystems, hier für: 'Großer, Weiser Gelehrter'

[22] In der heutigen Quảng Ninh Provinz – Nord Vietnam; unter 'Trúc Lâm Yên Tử' [siehe Adressenliste].

[23] Hier in diesem Text hatte der Übersetzer mit persönlicher Zustimmung des Obersten Abtes Zen-Meisters Thích Thanh Từ – Autor des Buches – auf wörtliche Übersetzung verzichtet.

[24] 'Trí dụng'[vietn.]: 'Funktionale, entfaltete Weisheit'.

[25] 'Acita' [sankr.]: 'leerer Geist' bedeutet hier: ohne einen verwirrten Geist, der ständig Scheinbildern und Illusionen, etc. hinterherjagt und bedeutet nicht, dass man etwa regungslos, reflektierungsunfähig und bewußtlos, wie Holz und Stein dasteht. „leer“ bedeutet hier: „leer“ von dem trügerischen, vergänglichen Geist, aber gleichzeitig „noch ein jener Geist“, der stets beleuchtet, reflektiert und sich kontinuierlich über sämtliches Geschehen bewußt ist, frei von Geburt-Tod existierend ist …“.

[26]  'Dharma-Lehre': kanonische Schriftensammlung, Sutren 'Drei Körbe', etc.

[27] Gilt als die 'Geist-zu-Geist-Übertragung', welche 'außerhalb' der kanonischen Schriftensammlung und Sutren angenommen wird.

[28] 'Vọng tưởng' [vietn.]: 'herumdenken', auf [bestimmte] Objekte und Ziele gerichtete Gedanken; 'Zerstreuten Denkimpulsen bewußt, aber folgt ihnen nicht nach!' ['Der Gedanken bewußt – ihnen nicht folgen'].

[29] 'Vọng tâm' [vietn.]: 'Zerstreuter Geist', getrübter, unklarer, nach den Objekten jagender geistiger Bewußtseinszustand [geistig allgem.].

[30] 'Hành giả' [vietn.]: 'Reisender', Jemand, der 'praktiziert', hier: 'Zen-Praktizierender', 'Zen-Praktiker'.

***


Titel der vietnamesischen Originalausgabe 
'Thiền Tông Việt Nam cuối thế kỷ 20'
Autor Thích Thanh Từ , Buch 1998. Seite 46 bis 61
Erste deutsche Übersetzung aus dem Vietnamesischen
von Chính Tâm

Juni 2007 Trúc Lâm Yên Tử - Việt Nam
Juni 2007 Vaterstetten - München

Mitwirkung bei der deutschen Version von Michael, Mechthild 
und Freunde der Bodhi Kontinuum Zen-Gruppe

Yên Tử  - Bambuswald Zen-Tradition
 Thiền Tông Trúc Lâm Yên Tử - Thiền Tông Việt Nam
Ðạo Tràng - Hằng Giác

München/Vaterstetten, im Februar 2015 / 2039
Letzte Aktualisierung: 15. Mai 2016 / 2560








Donnerstag, 23. Februar 2012

LEBEN, STERBEN, UNBESTÄNDIGKEIT UND WAHRE EWIGKEIT







Bhikhuis Thích Tuệ Giác
2. Dharma-Vortrag am 13. Sept. 2008
 in München, Germany

Namo Sakyamuni Buddha



A.  Einführung:

Alle Menschen sind gierig nach Leben und fürchten den Tod. Und nicht nur Menschen, sondern das Gleiche gilt insgesamt für die 'einfachen' Lebewesen bis zu den geistig hochentwickelten, die ein gefühlsmäßiges Innenleben besitzen. Alle sind gierig nach dem Leben und fürchten den Tod. Das Leben beflügelt die Menschen, den Lebensmut, optimistische Freude und alle Arten von Aktivitäten. Dagegen bereitet der Tod den Menschen Furcht, Ängste, Bestürzung [Panik] und Trauer. Aber, wenn man wiederum fragt: „Was bedeutet das Leben? Und was bedeutet das Sterben denn eigentlich?”, steht man wieder da vor nicht weniger Verzweiflung und Unklarheit. Es gibt wenige Leute, die eine ganz genaue Antwort liefern können. Einst fragten die Leute Konfuzius über den Tod und er erwiderte Folgendes: „Das Leben allein ist schon so ungewiss, welchen Sinn macht es noch Fragen über den Tod zu stellen?”.

Wenn wir jetzt mehr und tiefgründig etwas über das Leben begreifen, dann wird die Frage über den Tod auch gelöst sein.

Die buddhistische Lehre ist viel mehr als ein wichtiger Schlüssel, sie befähigt uns, alle seit langem brennenden Fragen über Leben und Tod selbst zu lösen. Dieser Schlüssel öffnet uns einen 'Mittleren Weg', aus zwei gegensätzlichen Zuständen herauszugelangen. Demnach liegt die Entscheidung, wann, wie und wohin wir den ersten eigenen Schritt selbst gehen, in unseren Händen. Keiner kann die Schritte des Anderen gehen. Es ist nicht möglich, ebenso wenig wie in einem Beispiel: Einer trinkt den Nektar und löscht damit den Durst aller Anderen. Selbst der Buddha hatte damals gesagt:

Ich bin nur der Meister, der Euch den Weg zeigt, Ihr, liebe Jünger, müsst die Schritte (den Weg) selbst mit Euren eigenen Füßen gehen.”

Trotz allem, Leben und Sterben sind zwei Zustände, die keine statische Wirklichkeit in sich tragen, anders gesagt, sie sind von Leerheit gekennzeichnet. Wenn man dieses Prinzip tiefgründig begreift, wird man sich selbstständig aus dem leidvollen Meer des Sterbens und der Wiedergeburten befreien können. Und zurückkehren zu dem ewigen, wahren Grund des Seins – des 'Nicht-Entstehens' und 'Nicht-Vergehens', des Zeitlosen und Dimensionslosen – und zwar noch in diesem realen Leben. Es kann heute – hier und jetzt – sein. Bevor wir tiefer darauf eingehen, sollten wir zunächst gründlich untersuchen und begreifen, was die wirkliche Bedeutung von Leben und Sterben ist.



B.  Inhalt:

1.  Zum Titel – LEBEN, STERBEN, UNBESTÄNDIGKEIT 
UND WAHRE EWIGKEIT:

1.1  Das Leben, was bedeutet es?
Das sind alle Entstehungsphänomene und Aktivitäten, alles was gerade existiert, lebendig ist, in ständiger, unaufhörlicher Bewegung und Erneuerung.

1.2  Das Sterben, was bedeutet es?
Es ist die Beendung der Aktivität, Zerfall und vollständiges Verlöschen.

1.3  Was bedeutet 'Unbeständigkeit'?
'Anitya' auf Sanskrit, kennzeichnet alle Phänomene, innerhalb einer Ksana [eine sehr kurze Zeiteinheit], welche ständig ineinander fließen, unaufhörlich entstehen und vergehen.

Es gibt 2 Arten von Unbeständigkeit:
  • Unbeständiges Ksana: meint die Veränderungen bzw. Reaktion, auch innerhalb dieser äußerst kurzen zeitlichen Einheit, beinhaltet trotzdem alle Manifestationsarten: Entstehen, Bestehen, Verformung, Verlöschen.
  • Kontinuierliche Unbeständigkeit: meint gezielt innerhalb einer äußerst kurzen Reaktionsphase/-moment. Trotzdem gibt es die vier oben genannten Manifestationsarten, welche in- und aneinander verwoben wirken.
1.4  Was bedeutet hier 'Ewigkeit'?
Dauerhaftigkeit, verändert sich nie, kein Entstehen, kein Vergehen, nicht der Unbeständigkeit unterworfen.

Über das Leben der Menschen und anderen Artenvielfalt:
Der Mensch ist ein höchstentwickeltes Wesen unter allen Lebewesen. Da der Mensch über Denk- und Selbst-Bewußtsein [das menschliche Denken u.a.] verfügt, ist er fähig, je nachdem, wo er sich befindet, die Lebensbedingungen und die Umwelt für den Eigennutz und zum Überleben zu verändern.

Dagegen sind alle anderen Lebewesen von ihrer natürlichen Umwelt abhängig, sie überleben und verteidigen ihre Existenz eher instinktiv.
  • Das Leben der Menschen oder auch sämtlicher anderer Lebewesen auf dieser Erde ist ein ganzheitlicher Komplex. Alles ist so miteinander verwoben, dass eine Existenz des Einen ohne die des Anderen nicht möglich wäre.
  • Das menschliche Leben wäre einfach unmöglich ohne alles, was dazugehört: Essen, Kleidung, Wohnen, Arbeiten, Lernen, Entspannen, Spielen, bis hin zu all den Beziehungen zur Gesellschaft, zu Freunden, Kontakt mit der Natur und so weiter und so fort …
  • Das Leben der Tiere ist genauso unmöglich ohne das, was zu ihrer Existenz gehört.
  • Alle anderen Lebewesen, wie Bäume, Pflanzen und alle vegetativen Arten, sind genauso an die Grundvoraussetzungen für ihre Existenz, wie Erde, Wasser, Luft und Sonnenschein usw. gebunden.
Zusammengefasst könnte das, was wir als 'Leben' bezeichnen, nie als ein eigenständiges Wesen, welches unabhängig ist von allem, existieren, sondern das Leben insgesamt ist eine Ganzheit – äußerst interaktiv und nichts Statisches –, indem alles miteinander verwoben ist, so kann eines nicht ohne das Andere existieren.

Über das Sterben und den Tod:
Alle Menschen halten fest an der Vorstellung, dass der Tod eine vollständige Beendigung des Lebens ist, das vollständige Aufhören der Existenz. Der Tod ist das vollständige Verlorengehen im Zerfall und der Vernichtung, das 'Nie-mehr-Sein', das völlige Gegenteil vom Sein. Daher ist es fürchterlich, wenn man etwas über Sterben und Tod erwähnen muss.

Alle Menschen sind gierig nach dem Leben und fürchten den Tod. Selbst und gerade die Schwerkranken, welche unter einem sehr elenden Zustand leiden, fürchten sich noch mehr, wenn sie an den Tod denken müssen und versuchen krampfhaft, das Leben festzuhalten. Alle diese sind gewöhnliche und berechtigte Befürchtungen und Ängste über den Tod bzw. berechtigte Hoffnung und Wunsch nach Leben.

Aber das Wesen des Lebens und Sterbens ist nicht 'echt'. Das Wesen des Lebens und Sterbens ist von Leerheit gekennzeichnet. Aber von Unwissenheit und Verblendung verdunkelt, sieht man das Leben und Sterben jetzt als 'echt' an; so wie z.B. wenn jemand, der an einer Augenkrankheit leidet und mitten in der Luft lauter Lichterblumen sieht. Der Andere, der diese Krankheit nicht hat, sagt dazu, dass es solche Blumen gar nicht gibt, aber der Erste glaubt es ihm nicht. Aber sobald seine Augen nicht mehr krank sind, verschwinden die Lichterblumen auch wie von selbst. Erst jetzt glaubt er, dass das Wesen solcher Lichterblumen nicht echt ist. Nur weil die visuellen Lichterblumen noch nicht verschwunden sind, deshalb existieren solche noch. So ist die Vorstellung von der Lichterblumen-Erscheinung doch aus der Luft gegriffen, wegen der Lichtüberempfindlichkeit seiner Augen während der Krankheit, nicht, weil solche Blumen tatsächlich existieren würden und ihr Wesen an sich 'echt' wäre.

So ist es, wenn jemand sich vorstellt, dass 'Leben und Sterben' für ihn 'echt' sei. Ein Anderer ist von dieser Sichtweise befreit und der Meinung, dass 'das Wesen des Lebens und Sterbens ursprünglich leer ist'. Das glaubt bestimmt derjenige nicht, bis er selbst irgendwann seine eigene illusorische Vorstellung zerreißt. Dann weiß er, dass 'das Wesen des Lebens und Sterbens ursprünglich leer ist'. Selbst während der Prozess des Lebens und Sterbens in Aktion ist, ist ihr Wesen [Leben und Sterben/Entstehen und Vergehen] trotzdem 'leer' und nicht 'echt'.

In den buddhistischen Sutren steht Folgendes zu lesen:
Ihr Jünger aus gutem Hause, die Vorstellung der Lebewesen seit zahllosen Leben ist so verkehrt, als ob ihr im Traum etwas Unechtes träumt. Ihr haltet an der Verkörperung der vier materiellen Formen dieses stofflichen leiblichen Körpers fest. Ihr haltet an den sechs den Geist beeinflussenden Faktoren fest, etwas Anderes könnet ihr noch nicht sehen. So wie jemand, der an einer Augenkrankheit leidet, auch berichtet, was er mitten in der Luft sieht: lauter Blumen aus Licht. Er hat auch gesehen, wie solche Blumen verschwinden. Hier kann man nicht sagen, dass es einen Ort gibt, wo die Lichterblumen verlöschen. Warum? Da solche Blumen gar nicht existieren, wird es auch keinen Ort geben, wo die Blumen sich verschanzen, um sich zu manifestieren. Alle Lebewesen bilden aus dem Geburt-losen das Leben und Sterben heraus. Daher nennt man es 'hoch-tief und wechselhaft zwischen Leben und Sterben kreisend'.


2.  Leben und Sterben sind zwei gegensätzliche Zustände 
eines Wahren Wesens:

2.1  Dem Entstehungsprozess lebt bereits das Sterben inne. Und anderseits, dem Sterbeprozess lebt bereits die Neuentstehung inne:
  • Leben und Sterben im eigentlichen Sinne sind keine zwei voneinander getrennten Zustände. Das, was wir Leben nennen, kann niemals seine ursprüngliche Form behalten, sondern es befindet sich in einem unaufhörlichen, ununterbrochenen Erneuerungsprozess. Dieser Veränderungsprozess ist stets in Wandlung, von einer Existenzform zur anderen Existenzform. Der Anfangspunkt des Lebens [Entstehung] ist der Endpunkt des Sterbens [Verlöschen].
  • Alles was gerade entsteht, liegt nicht außerhalb des 'Geburtslosen'. Alles was gerade verlöscht, liegt auch nicht außerhalb des 'Sterbelosen'.
  • Der Entstehungsprozess ist in sich 'geburtslos'.
  • Der Sterbeprozess ist in sich 'sterbelos'.
  • [Alles, was für einen Entstehungsprozess des Lebens sowie Sterbens nötig ist, liegt nicht außerhalb des 'Lebens-' und 'Nicht-Lebens-Elemente'-Bereiches, sie benötigen alles, um sich vervollkommnen zu können.]
  • [Die beiden Prozesse liegen nicht außerhalb des 'Geburts- und Sterbeloses'-Komplexes].
  • 'Nichts' bedeutet aber nicht 'Nicht-Sein' oder Nichts. Es ist aber auch nicht der Gegensatz zu 'Etwas': das Sein. Die beiden Sichtweisen 'Sein' oder 'Nicht-Sein' sind dualistische Sichtweisen und noch nicht das Ganze.
  • 'Geburts- und sterbelos' ist hier frei von beiden Sichtweisen.
  • Es gibt kein 'Selbst', welches mit einem 'Seelischen-Entitäts'-Charakter existiert, was in sich eigenständig und fortdauernd fungiert.
  • Alles, was sich in ständiger Bewegung und unaufhörlicher Erneuerung befindet, nennt man Unbeständigkeit - 'Anitya'.

2.2  Körperliche Unbeständigkeit:
Laut einer früheren literarischen Legende der buddhistischen Sutren über die Unbeständigkeit des Körpers heißt es:
Vor langer Zeit gab es einen Mann, der auf einer langen Reise unterwegs war. Er übernachtete in einem leerstehenden Lagerhaus. In der Nacht, als er im Halbschlaf träumte, sah er einen Dämon, der eine Leiche vor sich hinwarf. Hinterher kam noch ein zweiter zorniger Dämon und beschimpfte den ersten Dämon: „Diese Leiche gehört mir, wieso schmeißt du sie denn weg?” Die beiden Dämonen zogen je an einem Arm der Leiche und stritten sich um den Besitz. Der Erste sagte: „Wenn es hier einen Menschen gibt, fragen wir ihn, wer diese Leiche hierhin geworfen hat.” Der Mann überlegte sich: „Die beiden Dämonen sind so fürchterlich stark und aggressiv, ob ich ehrlich bin oder unehrlich, es wird keine Garantie dafür geben, das mein Leib noch ganz bleibt, wozu denn also lügen.” Er meldete sich laut: „Es war der Erste, der die Leiche hierher getragen hat.” Daraufhin wurde der Erste so zornig und sofort handgreiflich, er riss sofort die Arme des ehrlichen Mannes heraus und verspeiste sie. Der zweite Dämon riss dafür sofort die Arme der Leiche heraus und fügte sie in Sekundenschnelle auf die Stelle, wo der Erste gerade die Arme des lebendigen Mannes heraus gerissen hatte, wieder ein. So ging es weiter mit den beiden Dämonen, der Eine riss alle lebendigen Körperteile des Mannes heraus, der Andere fügt alle Körperteile der Leiche hinzu. Zum Schluss verspeisten die beiden Dämonen den ausgetauschten Körper und verließen den Raum.

Der Man überlegte: „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie mein eigener Körper von den beiden Dämonen verspeist wurde. Jetzt gehört dieser Körper einem Anderen. Jetzt frage ich mich selbst, ob ich einen Körper habe oder nicht? Wenn ja, dann ist es nicht mein eigener, wenn nein, wäre es ja nicht möglich, denn ich habe noch einen Körper.” Der Mann wurde fast verrückt nach diesem Hin und Her der Zerwürfnisse und Überlegungen. Am frühen Morgen machte er sich auf den Weg in ein Land, wo er buddhistische Pagodentürme sah, er traf Mönche und er interessierte sich für nichts anderes als für seine erste Frage: „Ist mein Körper hier echt oder unecht?”

Darauf entgegnend fragten die Mönche zurück:
- „Welche Person sind Sie denn?”

- „Ich weiß ja nicht mehr, ob ich eine Person bin oder gar keine.” Danach erzählte er den Mönchen von den Ereignissen, die er erlebt hatte.

Die Mönche besprachen sich untereinander:
- „Der zu uns gekommene Mann hier, er kam selbst auf die Frage und erkennt jetzt selbst, dass er eine Person ist und er ahnt selbst, dass seine Person selbstlos ist. Es ist jetzt leichter, ihn auf den Weg der Befreiung zu führen.”

Und die Mönche sagten zu ihm:
- „Ihr Körper war schon immer selbstlos, nicht erst seit heute ist er selbstlos. Aus dem Festhalten an den vier materiellen Formen dieses stofflichen leiblichen Körpers entsteht das weitere Festhalten an einer 'autorisierten Person'.”

Danach entschied sich der Mann, in die buddhistische Sanga der Mönche einzutreten. Nicht lange danach erreichte er die 'Arahat-Stufe'.

Hier ist der kleine Anfang durch das Erkennen des Selbstlosen-Aspektes gemacht – der Weg der Befreiung ist dann nicht mehr fern.”
['Sammlung der Beispiel-Sutren', Erster Band]

2.3  Psychische Unbeständigkeiten – [Unbeständigkeit des Geistes]:
Wenn wir uns jetzt ganz ruhig hinsetzen und in unserem innerlichen Geist tiefgründig kontemplieren, werden wir merken, dass unsere Psyche wie eine Impulsströmung ist, welche unaufhörlich nacheinander und ineinander fließt. Der psychische Fluss fließt und fließt, flutartig und stürmisch. Dieses Samsara fließt und fließt auch nicht außerhalb dieser flutartigen Strömung. In den Ordensregeln der tugendhaften Vollordinierten benutzt man das Wort 'Samsara' als einen Begriff und dieser deutet auf die fünf Sinnenfreuden hin.

Welche fünf sind es? Das sind …:
  • die Formen, wahrgenommen durch das Auge, die die Psyche befriedigen, die weitere Sinnesfreuden wecken.
  • die Töne, wahrgenommen durch die Ohren
  • die Düfte, wahrgenommen durch die Nase
  • die Geschmäcker, wahrgenommen durch die Zunge
  • der taktile Kontakt und sind die Berührungen, wahrgenommen durch den Körper.
Alles befriedigt den Körper und den Geist, erweckt Sehnsucht danach, noch mehr von all den Sinnenfreuden zu erlangen. Aber alle solche Sinnenfreuden sind unbeständig, wie ein Schatten, so flüchtig, sie entstehen und vergehen wie Winde und Echo. Es gilt auch für diese aus fünf zusammengefügten materiellen Gruppierungen, welche wir als 'personifizierte Autoritäten', als 'Ich' usw. wahrnehmen. 

Alle sind unbeständig in sich – jeden Bruchteil einer Sekunde. Es ist ein Fluss der kurzflüchtigen Manifestationen und Verlöschungen.

In einem Sutren-Text beschreibt Buddha Folgendes:
Liebe Bikhuis [Mönche], was ähnelt diesem Leben? Es ähnelt einem Fluss, der aus dem hohen Gebirge in đie Ebene fließt, der alles mit sich zieht. Es gibt keinen Moment oder Sekundenbruchteil, in dem er aufhört zu fließen. Das menschliche Leben, Ihr lieben Jünger, ist wie dieser Fluss, der aus jenem Gebirge fließt. Und diese samsarische Welt ist eine unaufhörliche Strömung, sie ist unbeständig.”

Etwas, was gerade vergeht, ist selbst die Voraussetzung für die Entstehung des nächsten Ereignisses. Es hat keinen unveränderlichen Charakter. In dieser Strömung gibt es nicht etwas Beständiges, was man sich als ein festes 'ICH' oder etwas als 'mein Eigenes' aneignen kann. Hier wäre es konkret und realistischer, dass jeder für sich tiefer in seinen Geist blickt, um zu erkennen, wie die Gedanken-Impulse Ksana für Ksana sich aneinanderreihend entstehen und vergehen.

Was ist 'Ksana'? - ['Sátna']
Als 'Ksana' bezeichnet man eine Zeiteinheit, die weniger als einen Bruchteil eines Gedanken-Impulses andauert. Eine äußerst kurze zeitliche Dauer. Grob genommen, vergehen beim Zusammen-Knirschen zweier Fingernägel 60 Ksana. Ein [1] Ksana beinhaltet Leben und Sterben, Entstehung und Verlöschung. Alle Phänomene sind in Bewegung, sie entstehen in jedem Ksana und vergehen in jedem Ksana.

Für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 'unterscheidet' man drei Ksana [in der Fach-Terminologie nennt man sie 'Drei Welten Ksana'].
  • Das gegenwärtige Ksana nennt man die 'Gegenwart'.
  • Das vorige Ksana - die 'Vergangenheit'.
  • Der künftige Ksana - die 'Zukunft'.
Innerhalb eines (1) Ksana sind alle vier manifestierten Erscheinungen vertreten: Entstehung, Bestehen, Verformung und Verlöschen.

Im weltlichen Bereich agieren vier manifestierte Erscheinungen: Entstehung, Bestehen, Verlöschung und 'Nicht–Sein'.

Unter den Menschen agieren auch vier manifestierte Erscheinungen: Geburt, Alterung, Krankheit, Sterben. Alles ist unbeständig.

Die 'Zeit' existiert in 'Wirklichkeit' nicht:
Die Zeit, von der hier die Rede ist, ist nicht die Zeitrechnung, die wir kennen, wie z.B.: Jahr, Monat, Tag und Stunde, nicht die zeitliche Periode der Erde um die Sonne, auch nicht die zeitliche Periode, während der Mond um die Erde kreist. Natürlich auch nicht die Perioden zwischen den Sonnensystemen und Galaxien usw.

Dies ist die 'Zeit', welche sich in unserem Geist 'festgesetzt' hat. Diese 'zeitliche Vorstellung' wurde sozusagen durch unseren Geist 'gewoben'. Anders gesagt: der Geist basiert auf der Zeit.

Das sind die drei geistigen Aspekte über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Erst, wenn der Geist nicht mehr diesen drei illusorischen zeitlichen Aspekten nachjagt, werden wir gelassen und frei sein.

Im 'Diamant-Sutra' hat Buddha gezeigt:
Lieber Subhuti, drei zeitliche Perioden sind nicht festzuhalten: Vergangenheit ist nicht festzuhalten. Die Gegenwart ist nicht festzuhalten. Die Zukunft ist nicht festzuhalten.”

Dazu folgende historische Geschichte:
Dö-schan [Đức Sơn] war ursprünglich ein Mönch, der Lehrvorträge hielt. Im westlichen Schu [Si-tschuan] hielt er Vorlesungen über das Diamant-Sutra. In den klassischen Schulen wird gelehrt: Das Verweilen im Samadhi der Diamantenen Erkenntnis und in der danach erlangten Weisheit schließt eine tausend Kalpas währende Übung in der Buddha-Würde und eine zehntausend Kalpas währende Übung in den Feinheiten des Buddha-Wirkens ein, und [erst] daraus folgt nachher die ausgereifte Buddhaschaft. Nun kam ihm zu Ohren, dass im Süden 'Barbaren' aufgetreten seien, welche sich trauten, einfach so zu lehren: … direkt auf das Herz [des Wahren Geistes] der Menschen zeigen, so dass sie sich im Anblick ihres Wahren Wesens erkennen, zum Buddha werden. Oder sogar: „'Das Herz' [der Wahre Geist], das sei Buddha.” Darüber geriet er schließlich so sehr in Entrüstung, dass er sich seinen Kommentar [zum Diamant-Sutra] auf den Rücken band, die Wanderschaft antrat und schnurstracks in den Süden ging, um diese 'barbarischen Verbände' im Süden zu zerschmettern. Seht, so sehr war er entrüstet – ein Wüterich von schneidender Schärfe. Zuerst kam er in den Landkreis Li. Dort fand er am Wegesrand eine alte Frau, die Dampfklöße verkaufte. Er band seinen Kommentar ab, um sich eine Zwischenmahlzeit zu nehmen und schmecken zu lassen.

Die Alte fragte, was er denn da auf dem Rücken trage. Dö-schan erwiderte:
- „Den Kommentar zum Diamant-Sutra.”

Da sagte die Alte:
- „Ich habe eine Frage. Könnt Ihr mir diese beantworten, so spende ich Euch als Buddha-Mönch die Dampfklöße zum 'Auf-das-Herz-zeigen' ['Zwischenmahlzeit' – auf vietnamesisch und chinesisch – bedeutet buchstäblich 'Auf-das-Herz-zeigen' – 'Điểm Tâm']. Könnt Ihr mir keine Antwort geben, dann geht an einen anderen Ort und kauft dort!”

Dö-schan sagte:
- „Frage nur!”

Da sagte die Alte:
- „Im Diamant-Sutra steht doch: Das Herz [der Geist] vergangener Zeiten lässt sich nicht fassen; das Herz [der Geist] im gegenwärtigen Augenblick lässt sich nicht fassen; das Herz [der Geist] zukünftiger Zeit lässt sich nicht fassen. Auf welches Herz nun wünscht der Herr Lehrermeister zu zeigen?”

Dö-schan war sprachlos, er konnte keine Antwort herausrücken.

Diese historische Geschichte weist uns darauf hin, dass der Dö-schan, obwohl er Vorträge über das Diamant-Sutra hielt und sich sehr leidenschaftlich um seinen spirituellen Weg bemühte, trotzt allem noch nicht den Wesenskern des Zen empirisch erfahren hatte, noch nicht den eigentlichen Kern des Diamant-Sutra erfahren hatte. Er war noch von der schriftlichen, vergoldeten Matrix der Sutren gefangen, so dass er nicht in der Lage war, auf so eine komplizierte Frage zu antworten. Wenn jemand das Wahre Wesen, den Wesenskern des Zen empirisch und aufrichtig erfahren hat, gibt es für ihn sofort an Ort und Stelle für diese Frage einen Ausweg, jenseits aller zeitlichen Dimensionen.

Die Wirklichkeit der Psyche, des Geistes:
Die drei zeitlichen Perioden sind illusorisch:
Wenn unsere Gedanken jetzt, im ständig fließenden Strom der geistigen, psychischen Aktivitäten zum Beispiel einem bestimmten, fest gespeicherten Gebilde folgen, um sich an etwas zu erinnern, dann gehört dies zur illusorischen Projizierung der Vergangenheit. Wenn wir der Erinnerung folgen, werden uns viele vergangene Ereignisse begegnen, darunter auch solche, die wir sehr mögen und eventuell den Wunsch erwecken, alles noch einmal wiederholt zu erleben. Es gibt sicherlich auch Ereignisse, die wir bedauern, die anders oder besser hätten geschehen sollen. Und genauso kommen eventuell bestimmte Impulse auf, die Wünsche und analysierte Planungen anhäufen, um daraus vielleicht eine wünschenswertere, viel bessere Zukunft in Aussicht zu stellen. Das ist die illusorische Projizierung in Richtung Zukunft.

Gerade diese gedankliche Ausweitung über die Vergangenheit und Zukunft drängt unseren Geist aus dem 'Hier und Jetzt', verwickelt ihn permanent in eine Unruhe nach der anderen.

Der Mensch leidet hauptsächlich durch seine innerliche Unruhe, weil er ständig über Niederlagen, unzutreffende Vorstellungen, aufwühlendes, unvergessliches Leid, über etwas unersetzlich Verlorengegangenes und so weiter und so fort nachdenkt. Und genauso hegt er Wünsche und Pläne, dies und jenes noch zu erreichen oder Gedanken über nie Erreichbares.

Das gegenwärtige Hier und Jetzt ist die Brücke, auf der sich die Vergangenheit und die Zukunft treffen.

Wenn nun der Geist die Ruhe kennen lernen will, ist es klug, wenn er lernt, wie er seinen erweiterten, illusorischen Verwirrungen einen Riegel vorschieben kann.

Wer kann im Flussbett der Zeit
nach der Vergangenheit suchen?
Im Zeitstrom rückwärts schwimmend
die vergangenen Tage wiederfinden?
Alles, wonach Deine Hände im Traum greifen:
Wach auf, betrachte Deine Hand.
Sinne über das Leben nach, Dunst und Nebel,
betrachte wieder Deine Hand.”

Wenn wir gewohnheitsmäßig nicht die ganze Zeit über die Vergangenheit träumen, beschäftigen wir uns einen großen Teil der Zeit mit Träumen, Wünschen und Vorstellungen:

Welche ist die Zukunft, zu der man tatsächlich gelangen kann?
Oder Tage oder sogar Momente, die man zählen kann?
Oder all die edlen goldenen Schlösser,
welche man in den Wolken baut,
alles Illusionen, jenseits des Realen.“

Wir erweitern ständig unsere Gedanken über alles Mögliche. Wir jagen flüchtigen Gedanken und Triebimpulsen, einem nach dem anderen, hinterher. Unser Denk-Bewußtsein galoppiert wie ein Rennpferd, wie ein Affe, der flink übers Geäst hin- und herspringt. Daher heißt es in den buddhistischen Sutren:

Der Wahre Geist ist vollkommen, die Gedanken galoppieren noch.”

Sobald eine Form [z.B.: durch die Augen] auf der 'Leinwand des Geistes' auftaucht, folgen sogleich Unterscheidung und Vorurteile. Wenn die Formen und Gebilde den Augen passend erscheinen, wird all der Rest, der benötigt wird, um etwas Schönes auszumalen, fast fertig abgeliefert. Hier hässlich und dort schön, Zuneigung, Hass und Neid usw. Das Gleiche gilt für die Formen, welche den Augen nicht passen. Der Geist kennt diese noch nicht. Aber die zukünftigen Vorstellungen sind noch nicht gekommen oder werden auch nie kommen. Es gibt unzählige unrealistische Vorstellungen, welchen wir unseren Geist hinterherjagen lassen wie eine Katze einem springenden Lichtfleck an der Wand.

Falls wir nicht der Vergangenheit oder der Zukunft nachjagen, verwirrt uns auch noch die Gegenwart mit Stress und Unruhe. Was ist unter dem Begriff 'Gegenwart' zu verstehen? Diese so genannte 'Gegenwart' ist auch nicht 'echt', sie ist so instabil, da es keine Phänomene gibt, welche nicht in Bewegung sind. Wie wir alle wissen: Wenn wir gerade das Wort 'Gegenwart' oder 'Jetzt' aussprechen, ist das 'Jetzt', die 'Gegenwart', schon Vergangenheit. Es gibt keine anhaltende, feste Wirklichkeit im eigentlichen Sinne.

Die Vergangenheit ist vergangen.
Die Zukunft ist noch nicht gekommen.
Die Gegenwart ist instabil und unbeständig.

Weil wir das Wahre Wesen noch nicht erkannt haben, welches uns permanent innelebt, projizieren wir nur nach außen. Wir lassen uns von den flüchtigen Phänomenen hin und her ziehen, so dass unser instabiler Geist keine Minute lang Ruhe findet.

Wenn wir jetzt eifrig lernen, einmal einfach 'stehen zu bleiben', um unser eigenes Wahres Wesen kennen zu lernen, wäre das unser eigentlicher 'Hausherr', den wir nie erkennen wollten. Wir werden wieder 'Herr des eigenen Hauses' sein. Dann können uns alle Wirbel und Stürme des Lebens nicht mehr mitreißen, sie bleiben für immer draußen.

Zu allen Häusern führt ein Tor.”

Dazu ist folgende historische Zen-Geschichte im 'Vietnamesischen Zen-Buddhismus in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts' zu lesen:

Nachdem Huệ Khả vom Ur-Patriarchen Mönch Bodhidharma als Schüler aufgenommen wurde, quälte er sich immer noch mit seinem verwirrten Geist während der ZaZen[Tọa Thiền]-Praxis. Eines Tages äußerte er vor Bodhidharma seine Besorgnis:

- „Verehrter Meister! – Mein Geist bleibt nicht still! Ich habe eine dringliche Bitte, zeigst Du mir bitte eine Methode, den Geist zu stillen?”

Patriarch Bodhidharma schaute ihm ins Gesicht und sagte:
- „Das werde ich für Dich tun: Zeig mir doch Deinen Geist her!?”

Davon war Huệ Khả sehr überrascht, reflektierte für einen Moment in Stille und suchte nach seinem Geist. Vergeblich, auf einmal war dieser ganz und gar spurlos verschwunden!

Er antwortete:
- „Ich kann meinen Geist nicht wiederfinden!”

Darauf, sagte der Patriarch zu ihm:
- „Da! Gerade habe ich Deinen Geist für Dich gestillt!”

Auf einmal, an Ort und Stelle, erkannte Huệ Khả,  worum es geht, und wo das 'Eingangstor' ist.

Das 'Eingangstor, das zum Haus führt' bedeutet hier, dass man sein Wahres Wesen erkennt. Die Erkenntnis ist schon da, die Erfahrung braucht aber noch Übung und Zeit, damit wir diese Erkenntnis auch tatsächlich empirisch erleben können. So, wie man vom Wasser trinken zwar erzählen kann, aber erst selbst getrunken haben muss, um wirklich zu wissen, wie es sich anfühlt, nicht mehr durstig zu sein.

Obwohl die Erkenntnis zwar wie Buddhas Erkenntnis sein mag, ist die karmisch verstrickte Veranlagungen aber immer noch tief verwurzelt. Wie, wenn der Wind zwar aufgehört hat zu wehen, aber sich die Wellen immer noch fortsetzen. Die Erkenntnis ist klar, die Gedanken sind aber noch getrübt. Selbst, nachdem wir die 'Blitz-Erkenntnis' erreicht haben, sollten wir trotzdem geduldig bei der Praxis bleiben, damit unsere Erkenntnis auch tatsächlich empirisch verwirklicht werden kann.

Dazu geht es weiter mit einem Zitat aus der obigen historischen Zen-Legende:

Huệ Khả äußerte eines Tages zu seinem Stand:
- „Ab hier lasse ich nun endgültig alle Illusionen hinter mir!”

Daraufhin prüfte ihn Bodhidharma:
- „Fällst Du etwa in die völlig verlöschende Vernichtung, ins Nichts hinein?”

Huệ Khả antworte:
- „Ich falle nicht hinein!”

Bodhidharma fragte:
- „Wie hast Du das denn gemacht?”

Huệ Khả:
- „Mein Geist ist so rein und klar, fortwährend bin ich mir dessen bewußt. Mit all der Rederei ist es nicht zu erfassen, schon gar nicht wiederzugeben! Dies ist jenseits von allem Begrifflichen!”

Bodhidharma bestätigte:
- „Dies ist genau 'der Pfad'! Die Übertragungsessenz aller Buddhas! Hiermit endet Dein Zweifel!”

Erst hier, an dieser Stelle, gilt er ohne Zweifel zutreffend als ein 'Rückgekehrter, der daheim angekommen ist'.

Dies ist genau 'der Pfad'! Die Übertragungsessenz aller Buddhas! Hiermit endet Dein Zweifel!” Hier wird es 'Übertragungsessenz aller Buddhas' genannt, aber in Wirklichkeit gibt es gar nichts zu übertragen, da bei jedem dieses Wahre Wesen vorhanden ist.

Eine authentische Zen-Praxis erkennt die illusorischen Abbilder, aber folgt ihnen nicht nach ["Der Gedanken bewußt - nicht folgen"]. Dies ist eine wesentliche Methode in unserer Zen-Tradition. Unser Zen-Meister Thích Thanh Từ hat diese Methode seit Jahrzehnten in unserem vietnamesischen Zen-Buddhismus eingesetzt, damit man dem illusorischen Geist einen Riegel vorschieben kann.

Die so genannte Illusion zu stoppen, ist nur eine begriffliche Bezeichnung, in Wirklichkeit existiert diese Illusion gar nicht. So, wie Abbilder im Spiegel, wie Echo aus dem Tal, wie die Lichterblumen in der Luft, sie existieren nicht dauerhaft, also nicht wirklich. Wir müssen diese nur erkennen, dann verschwinden die illusorischen Vorstellungen wie von selbst.

Die Illusionen werden durch die Bewußtheit des Geistes/'Bodhi-Geist' erkannt. Wenn dieser 'Bodhi-Geist', die Bewußtheit des Geistes nicht bestehen würde, könnte man die Illusionen des Geistes nicht erkennen. Daher werden die Illusionen weichen, wenn die Bewußtheit herrscht. Wenn die Illusionen herrschen, wird die Bewußtheit weichen. Der 'Mittlere Weg' besteht hier darin, dass die Bewußtheit kein Objekt hat, sondern eine Klarheit, Wach-Sein in einer erhabenen Ruhe des gelassenen Friedens.

Im Prinzip wird diese Dharma-Praxis, eine transzendentale Funktion der Weisheit, eingesetzt, um die 'Verfinsterung des Geistes Tag ein, Tag aus mit dem Licht fusionieren zu lassen' und nichts Anderes. Etwa einer Methode, mit gewaltsamem Mittel die Abbilder etc. 'zu verformen', 'zu beseitigen' oder gar 'zu unterdrücken'. Daher nennen wir es 'Geist-Stillen-Dharma-Ohne Dharma', oder ein 'Eingangstor ohne Tor'. Sobald die Unwissenheit nicht mehr da ist, tauchen Abbilder und Illusionen nicht mehr auf, bleibt diese Funktion der Weisheit auch 'still', da ihre Arbeit erledigt ist. Wie es in der 'Zehnteiligen Bilderserie: Der Büffelhirt' bildlich dargestellt wird. Sobald der Büffel nicht mehr existiert, wird kein Hirt mehr benötigt. Wenn jetzt dieser Funktion der Weisheit keine Aufgaben mehr entgegenstehen, vereint sich diese im Nu wieder mit ihrem Ursprung, der transzendentalen, höchsten, vollkommenen Weisheit.

Beim ZaZen müssen wir 'nichts tun', wir beobachten den verwirrten Geist, wie alles kommt und geht, wir lassen es geschehen, wir fügen nichts dazu, wir nehmen nichts daraus auf. Wenn wir noch etwas hinzufügen, gibt es bereits unnötiges Wirken oder sehnen wir uns danach, etwas zu erreichen. Selbst die Buddhaschaft zu erlangen, ist nur eine Illusion. Gemäß dem 'Công phu – Zen-Samadhi' sollten wir die schwer zu erkennenden psychischen Aspekte, wie Begierde, Zorn, Verblendung erkennen. Den Samadhi – Reinheit des Geistes, usw. – schnell zu erreichen, ist auch eine Art Begierde. Wenn wir aufkommende Illusionen vertreiben wollten, ist das eine Art Zorn. Wenn wir im Halbschlaf dasitzen, nicht träumen, aber auch nicht wach sind, ist das eine Art Verblendung.

Mit Hilfe der durchblickenden Weisheit erkennen wir, dass alle verwirrten psychischen Aktivitäten Illusionen sind. Wenn wir dies erkennen, ist das bereits 'große Erkenntnis', das ist bereits die Befreiung. Wenn das geistige Festhalten an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgehört hat, erkennen wir an Ort und Stelle, dass die 'Buddha-Natur' allezeit am eigenen Leib gegenwärtig ist und dass es sinnlos ist, außerhalb danach zu suchen.

"Reinster Friede des Geistes
ist das Reinste-Friede-Reich" 


Bzw.: 

'Geistes-Friede – Weltfriede'.”



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Abt - Zen-Meister
Ehrwürdiger BhikhuisThích Tuệ Giác
Zen-Kloster Đại Đăng – 'Großer Leuchtturm'

'Leben, Sterben, Unbeständigkeit und Wahre Ewigkeit'
'Sống, chết, vô thường và vĩnh cửu'

Erste deutsche Übersetzung von Chính Tâm

Mitwirkung bei der deutschen Version von Mechthild, Barbara, Michael
und Freunde der Bodhi-Kontinuum-Zen-Gruppe
Yen Tu - Bambuswald Zen Tradition
Vietnamesischer Zen Buddhismus
München, 23. Februar 2012
Aktuelle Version: 03.03.2016 / 2560