"Jeder Tritt zertrümmert unzählige Buddha-Reiche !

Jeder Blick verstummt ganzes Dharmakaya !"

Donnerstag, 23. Februar 2012

VIETNAMESISCHER ZEN BUDDHISMUS - EIN ÜBERBLICK




Dharma-Vortrag vom Ehrwürdigen Abt
 Bihkkhui Thích Thông Phương
in der Schweisfurt Stiftung, 
Schloss Nymphenburg in München – Germany
am 11.10.2009
             
Namo Sakyamuni Buddha


               Sehr geehrte Damen und Herren,

1. ENTSTEHUNG:

Der Buddhismus – genauer die Lehre des Buddha – ist seit mehr als 2000 Jahren in Vietnam bekannt. Schon seit Beginn seiner Geschichte war Vietnam wegen seiner günstigen geographischen Lage, seiner Häfen für den Zwischenaufenthalt und als Ziel von See-/Handelswegen eine florierende Drehscheibe zwischen den Weltmeeren. Auf dem Seeweg kamen auch die indischen Söhne des Buddha als Mitreisende auf Segelschiffen jener Handelsflotten nach Vietnam. Dies ist einer der Gründe für die frühe Entwicklung des vietnamesischen Buddhismus, welcher als ursprünglich, als direkt aus Indien übertragen gilt. Die späteren chinesischen Übertragungswege gehören schon zu den nächsten, späteren Phasen der Verbreitung des Buddhismus in Vietnam.

Nach schriftlichen historischen Quellen hat bereits im 3. Jahrhundert ein aus Indien-stammender Dhyana*-Meister – sogdischer Abstammung – Khuong Tang Hoi, der in Vietnam geboren und aufgewachsen war, die Dhyana*-Methode 'An Ban Thu Y' unterrichtet [Pali: Anàpànasati; Sanskrit: Anapranasmrti]. Diese Methode ist auch dem Mahayana-Buddhismus zugehörig. 

[*] 'Dhyana' [sanskr.], bzw. 'Thiền-na' [vietn.], 'Chan-na' [chin. Umlaut], 'Son-na' [korean. Umlaut] oder 'Zen-na' [japan. Umlaut}. Abkürzung: 'Thien', 'Chan', 'Son' oder 'Zen'.  

Das 'Zen außerhalb der kanonischen Übertragung' aus dem Reich der Mitte beginnt mit dem Dhyana-Meister Vinidaruci, dann folgt Vo Ngon Thong, danach Thao Duong.
  1. Im 6. Jahrhundert: Der indische Dhyana-Meister Vinidaruci reiste ins Reich der Mitte ['China'], um als Schüler des Weges gemeinsam mit dem Patriarchen Tang Xan, dem dritten Patriarchen des chinesischen [Chan-]Zen-Buddhismus, den Buddha-Dharma – den Mittleren Weg, zu verwirklichen. Danach wanderte er weiter nach Vietnam. Hier in Vietnam wurde zum ersten Mal Thien-Tong – die erste Dhyana-/Thien-/Zen–Strömung des Zen-Buddhismus – übertragen, in der Phap Van Pagode in der heutigen Provinz Bac Ninhs in Nordvietnam.
  2. Bis zum 9. Jahrhundert: Der chinesische Meister Thien Su - Dhyana-Meister Vo Ngon Thong ['Der sprachlos gewordene Weise'] kommt mit der Übertragung der zweiten Zen-Strömung in die Kien So Pagode, die auch in Nordvietnam liegt.
  3. Im 11. Jahrhundert kommt ein anderer Thien Su-Dhyana-Meister, Thao Duong, mit der Übertragung der dritten Thien-/Zen-Strömung nach Vietnam.
  4. Seit dem 13. Jahrhundert: Tran Nhan Tong aus der Tran Dynastie, König von Vietnam, ein königlicher Held des vietnamesischen Volkes übergab den Thron seinem Sohn und wanderte in die Berge in Richtung Yen Tu Gebirge, im Norden Vietnams. Er hatte das besitzlose Leben für sich gewählt, wurde voll ordiniert und folgte somit aufrichtig und eifrig seinem Praxisweg. Er vereinigte die oben erwähnten drei Dhyana-/Thien-/Zen-Strömungen und begründete die Truc Lam Yen Tu – Bambuswald-Zen-Tradition. Diese ist eine offiziell anerkannte Zen-Tradition des vietnamesischen Buddhismus, von Vietnamesen vereinigt, insbesondere durch die Autorität eines sehr ruhmreichen Königs.


2. ESSENZIELLE GRUNDLAGE DER LEHRE UND PRAXIS:

Die wegweisende Essenz der Lehre und Praxis des Thien Tong – Vietnamesischer Zen-Buddhismus – ist: 

„Zeige direkt auf das Herz des Wahren Geistes aller Lebewesen. Der das Wahre-Wesen erblickt, wird Buddha. Buddha ist der Wahre-Geist. Der Wahre-Geist ist die Wurzel aller Dharmas. Wem Geist innelebt, dem lebt auch Buddha inne! Und auch er ist fähig einmal Bodhi-Bewußt zu sein und somit lässt sich das Rechte-Bodhi verwirklichen.“ 

Der 'Geist' befindet sich aber nicht außerhalb einer menschlichen Person. Daher betonen wir ausdrücklich:
Reflektiere stets über das eigene Selbst. Entdecke und entfalte die eigenen latenten Fähigkeiten, über die jeder verfügt und bringe diese zum Einsatz, damit wir selbst erkennen, dass wir alle fähig sind, nach der eigenen großen Erkenntnis zu streben. Wir gewinnen als Menschen damit unser Selbstbewusstsein zurück, wir haben es in der eigenen Hand.

Ob Vietnamese, Chinese oder Deutscher, Franzose oder Amerikaner, wer einen Geist besitzt, besitzt auch das Potential eines Buddha. Buddhas-Werdung ist also nicht etwa nur jemand Bestimmtem vorbehalten oder nur an einem bestimmten Ort möglich. Dies ist eine Wahrheit, die für alle Lebewesen gleichermaßen gilt. Daraus schließen wir, dass die Wahrheit schon im eigenen Innern vorhanden ist.

Seit jeher sind Schüler des Weges unermüdlich unterwegs auf der Suche nach der Wahrheit [sanskr.: Satya]. Aber ihre Suche ist nach außen gerichtet und sie suchen etwas außerhalb ihrer selbst, daher finden sie nichts und fühlen sich auch nie zufrieden. Falls sie doch etwas finden, dann sind es auch nur einige einzelne Facetten, etwas Vollkommenes ist es jedoch nicht. Währenddessen ist aber die Wahrheit die ganze Zeit über bereits in ihnen selbst anwesend. Wenn hier von 'Wahrheit' die Rede ist, wie kann dann die Wahrheit erkannt werden? Die Wahrheit kann sich doch nicht selbst erkennen. Aber der Wahre Geist kann die Wahrheit erkennen! Das ist die lebendige Wahrheit! Aber wenn schon die mentale Psyche nicht ehrlich, nicht klar ist, wie kann man die Wahrhaftigkeit deutlich und in Klarheit erkennen? Hier sollten wir uns von allem abwenden, was 'außerhalb' ist. Hier ist eine introvertierte Selbst-Reflexion des eigenen Geistes entscheidend wichtig. Wenn der eigene Geist klar ist, erscheint auch die Wahrheit in voller Gestalt. Dies ist ein entscheidend wichtiger Knotenpunkt, den man sehr oft vergisst oder übersieht.

Wer zum Beispiel mit einem egoistischen mentalen Geist andauernd wertet und verurteilt, empfindet auch nur Widerliches, Wertvolles und Wertloses, Gewinn und Verlust, usw. Dazu ein Beispiel: Ein legendärer Spruch des Buddha lautet:

„Über und unter dem Himmel zählt nur das Eigene Selbst als wertvoll und unübertrefflich“. [*]

Wenn man mit einem wertenden Geist über ein 'Selbst' diesen Spruch zu verstehen versucht, kommt man auf den Gedanken, dass der Buddha höchst hochnäsig gewesen sein muss. Oberflächlich gesehen kann man diese Aussage auch so verstehen, dass der Buddha sich selbst als unübertrefflich bezeichnet. Mit einem Verständnis dieser Art hat man den wahren Sinn noch nicht erkannt und unterschätzt damit den Buddha, wertet ihn zu gering. Man ahnt nicht, dass der Spruch eigentlich eine wahre Offenbarung ist – eine sehr tiefsinnige Botschaft an alle Heilsucher, die den direkten Weg zur Erleuchtung suchen – eine Wahrheit, welche allen Schein und alle Illusionen zerreißt und alle Wahrheit des Weltlichen übertrifft.



„Überm Himmel, unterm Himmel – einzigste Verehrung dem Wahren Selbst.“
[* Wörtliche, sinngemäße Übersetzung]

Seit jeher lebt der Mensch dahin, ohne sein eigenes Selbst tiefgründig zu durchleuchten. Währenddessen bestimmt das Selbst immerhin sämtliche Interaktionen im Leben.

Die Annahme, dass nur dieser leibliche Körper mit der mentalen Psyche, dem Denken bzw. wertenden Geist, dem Verstehen und Wissen das Selbst darstellt, ist sehr oberflächlich und bedenklich.

Nehmen wir an, diesem Leib würde nach einem Unfall eine Hand, ein Bein, das Herz oder die Nieren amputiert oder ausgetauscht. 'Wer' sind denn dann jetzt die unbrauchbaren und ausgesonderten Körperteile? Für den denkenden, wertenden Geist gibt es Momente, in denen das Denken in Aktion ist, aber es gibt auch inaktive Momente. Beim Schlafen wird bestimmt nicht mehr gedacht oder überlegt. Existiert währenddessen kein Selbst?

Daher weisen beim Zen oder Thien die ganzen didaktischen Schilderungen ausdrücklich auf eine Prajna-Weisheit hin, die man auch 'Meisterlose Weisheit' nennt. Denn diese Weisheit wurde nicht erreicht durch Befragen oder Erlernen, nicht durch die Ansammlung von Wissen, sie wurde auch nicht von einem Meister beigebracht. Jeder kann sie nur bei sich selbst, aus seinem eigenen Geist heraus extrahieren.  

Zen/Thien ist wahrhaftig eine lebendige Methode für das Leben, um Harmonie zwischen Körper und Geist zu erzeugen. Um sich selbst wieder zum eigentlichen Herrn des eigenes Hauses zu machen, wieder der eigentliche Herr des eigenes Selbstes zu sein. Mit Thien/Zen werden wir die Wahrheit, die noch tief in uns verborgen liegt, zu Tage fördern. Das ist eine Realität und die können wir an uns selbst empirisch bestätigen. Eine Bestätigung könnte hier und jetzt geschehen und muss nicht erst auf das nächste Leben warten. Dies ist spirituell und doch höchst wissenschaftlich, es ist eine Wissenschaft des transzendentalen Geistes. Das Ganze erfordert die Mitbeteiligung und das Teilnehmen an einer dazugehörigen Praxis. Aus der stattgefundenen Praxis entspringen persönliche empirische Erfahrungen usw. und nicht etwa nur reine Theorie.


3. ZEN - THIEN SETZT SCHÖPFERISCHE KRÄFTE FREI 
FÜR KREATIVITÄT UND INNOVATIONEN:

Zen/Thien bedeutet: Leben mit der momentanen Realität, Leben im Licht des Hier und Jetzt, unabhängig und losgelöst von allen vorgegebenen Schablonen und eingeschränkten Bedeutungen der begrifflichen Welt, erhaben über die vergoldete Matrix aller literarischen Überlieferungen. Zen gehört weder zur Welt des mentalen noch zu der des begrifflichen, intellektuellen Denkens.

Gleich hier, liebe Freunde, im jetzigen Moment, solltet auch Ihr 'Hier und Jetzt' 'anwesend' sein. Eine intuitiv tiefe Wahrnehmung der gegenwärtigen Existenz des eigenen Wahren-Selbst ist entscheidend. Erst dann lebt Ihr wahrhaftig im Hier und Jetzt.

Anderenfalls hält sich der Körper an einem Ort auf und der Geist verweilt währenddessen weit weg anderswo, es gibt also in dem Augenblick keine bewußte Wahrnehmung der Existenz des eigenen Selbst. Stellen wir uns demnach einmal die Frage: Wer ist es denn, der im gegenwärtigen Augenblick lebt? Und mit was?

Das kennzeichnet ein Leben in Abwesenheit eines Selbst, das Leben mit zerstreutem Geist und zerstreuter Psyche. Und somit ist der Sinn des Lebens wesentlich vermindert worden.

Der Gründer-Patriarch der Truc Lam Yen Tu, Bambuswald-Zen-Tradition hat lehrreiche Worte hinterlassen: 

„Heilsucher, Tag um Tag verfliegt wie Pfeile, das Leben wartet weder auf Euch noch auf irgendwen. Wie konntet Ihr Euer Leben so gleichgültig behandeln, indem Ihr täglich Reis und Suppe esst, ohne die Schale und den Löffel zu erkennen?“

Dies ist eine sinnbildliche Andeutung über eine energische, dynamische und lebendige Lebenskraft, das gegenwärtige, strahlende Licht des Hier und Jetzt, die immerzu gegenwärtige Realität des Lebens, die aber oft versehentlich ignoriert wird. Damit haben wir das eigene, uns innelebende, wahrhafte Selbst erlöschen lassen. Man nennt das ein Leben in Abwesenheit eines Selbst, dem Wesenskern eines seligen Lebens.

Täglich halten wir die Essschälchen in der Hand, mit Stäbchen und Löffel essen wir Reis und Suppe [hier werden die Tätigkeiten unseres alltäglichen Lebens angedeutet]. Dabei bewerten wir, wie gut dies und jenes schmeckt und alles mögliche Andere ... Dabei vergessen wir die latente, uns innelebende Manifestation einer leuchtenden Bodhi-Bewussheit.

Genau an diesem Punkt erweckt Thien/Zen alle Menschen zum Erwacht-Sein, um eine strahlende Realität des Hier und Jetzt zu erleben. Und diese übertrifft alle Grenzen des intellektuellen Denkens.

Wenn wir ernsthaft zu uns zurückgekehrt sind, um vereint mit der eigenen Realität des Hier und Jetzt zu leben, wird unser Geist von einer erfüllenden Frische der Kreativität, einer unerschöpflichen Kraft des Neu-Schaffens überflutet werden und zwar nicht mit begrifflichem, intellektuellen Denken. Im Zen gibt es einen legendären Spruch: 

„Trotz deines Wissensstandes – dem Meister gleich, von erhabener Güte – läufst Du ihm den halben Weg noch hinterher. Erst wenn Dein Stand den des Meisters übertrifft, kommst du in Betracht, die Übertragung als Nachfolger in Empfang zu nehmen.“

Eine kraftspendende Botschaft an alle Heilssucher oder Schüler des Weges: Sie sollten völlig autark sein, um sich nicht im vorgefertigten Maßstab Anderer zu verfangen. Wir müssen immer zunächst aus eigener Kraft und den eigenen Reserven heraus handeln und nicht das Ganze dem Meister überlassen und von ihm abhängig sein. Das bedeutet, dass jeder Verantwortung für sich selbst übernehmen muss, um die eigene ihm innelebende Wahrheit aufleuchten zu lassen, eine offene Weite für die Entfaltung der eigenen schöpferischen Kreativität. Ein Weg für die Vervollkommnung des Geistes ist eröffnet worden. Ein Weg für die menschliche Fortentwicklung ist eröffnet.

Im Thien/Zen ist folgende Geschichte verbreitet:
In der Gegend von zwei benachbarten Zen-Klöstern treffen sich eines Morgens zwei junge Zen-Novizen, der eine ist von Zen-Kloster A, der andere von Zen-Kloster B. Der Novize A fragt den Novizen B:

- „Wo gehst Du denn hin?“

Der Novize B antwortet:
- „Wohin meine Füße treten, eben dorthin gelange ich!“

Der Novize A ist überrascht und sprachlos, kehrt zurück und fragt danach seinen Meister und bittet ihm um Hilfe. Der Meister berät ihn:
- „Wenn Du ihn wieder triffst, stelle ihm dieselbe Frage. Wenn er wieder dieselbe Antwort herausrückt, frage ihn Folgendes zurück: „Was wäre denn, wenn Du keine Füße hättest?“

Der Novize A stellte dem Novizen B dieselbe Frage, als sich die beiden am nächsten Morgen wieder treffen:
„Wo gehst Du denn hin?“

Der Novize B antwortet:
- „Wohin der Wind mich weht, dorthin gelange ich eben.“

Der Novize A weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Er kehrt in sein Kloster zurück und bittet seinen Meister nochmals um Hilfe. Der Meister berät ihn also nochmals:
- „Wenn Du ihn wieder triffst, stell ihm dieselbe Frage. Wenn er wieder dieselbe Antwort herausrückt, frage ihn Folgendes zurück:
- „Was wäre denn, wenn es keinen Wind gäbe?“

Der Novize A befolgt gerne die Anweisung. Am nächsten Morgen stellt er dem Novizen B wiederum die Frage:
- „Wohin gehst Du denn?“  

Der Novize B entgegnet:
- „Ich gehe zum Markt und kaufe dort Gemüse ein.“

Der Novize A steht wieder sprachlos da, denn um zu wissen, wie es weiter geht, muss er vielleicht weitere Hilfe holen.

Wie wir sehen, fehlt dem Novizen A kreatives Denken. Das ist das Produkt eines passiven Lernprozesses. Er wiederholt nur das, was er vom Meister jeweils gelernt hat. Neu auftretende Aufgaben kann er nicht situationsgerecht lösen. Anders sieht es schon aus mit dem Novizen B. Er ist kreativ, flink und lebendig, allen Umständen angepasst und doch gelassen. Beim Zen wird die Freiheit zu individueller, weiser Entscheidung betont und gefördert.


4. ENTFALTET EINE WAHRHEIT – DIE WAHRHEIT ZUR ERLEUCHTUNG DURCHDRINGT ALLEN RAUM UND ZEIT UND IST BEREITS VORHANDEN:

Im Lotus-Sutra [sanskr: Saddharma-pundarika-Sutra] offenbarte uns der Buddha Sakyamuni den Manifestationsgrund, wofür Buddhas aller Zeiten auf der Welt erscheinen. Der Grund hinter allen Gründen ist, dass sie alle Lebewesen darauf hinweisen, ihre eigene Buddha-Weisheit und Erleuchtung zu verwirklichen, welche auch die Buddhas aller Zeiten selbst verwirklicht haben. Aus purem reinem Buddha–Mitgefühl weisen sie alle Lebewesen darauf hin, dass sie seit unzähligen Zeiten eines vergessen haben: Dass eine ihnen innelebende Wahrheit bereits vorhanden ist, die Ursubstanz und zugleich das Fundament, aus welchem alle Erleuchtung und werdende Verwirklichung hervorgeht und ermöglicht wird. Denn statt diese bis zur Vervollkommnung zu pflegen, lassen sie sie von allen möglichen geistigen, mentalen Illusionen trüben und verdunkeln. Dies ist eine für alle Wesen gleichermaßen gültige Wahrheit.

Zen/Thien öffnet uns Türen und Tore, erweckt Menschen zu derselben Wahrheit, bekräftigt ihr eigenes Selbstvertrauen, ihre eigene Verwirklichung selbst in die Hand zu nehmen, denn all dies liegt nicht außerhalb ihres eigenen Selbst.

Wenn wir uns jetzt ganz ruhig hinsetzen und mit der Thien-/Zen-Grundübung beginnen, wenn dann der mentale Geist einigermaßen zur Ruhe gekommen ist, können wir unsere inneren geistigen Interaktivitäten viel besser erkennen. Jetzt werden wir entdecken, dass unsere Psyche wie eine Impulsströmung ist, welche unaufhörlich nacheinander und ineinander fließt. Der psychische Fluss fließt und fließt, flutartig und stürmisch. Noch eine Stufe weiter entdecken wir, dass stets noch ein 'absolut lautloser Beobachter' anwesend ist, der alle diese Gedanken–Impulse wahrnimmt und sich eigentlich des ganzen Geschehens bewußt ist. Das bedeutet, all diese Gedanken–Impulsströmungen, etc. sind Objekte, deren Manifestation von einem 'Beobachter' stets lautlos wahrgenommen wird und deren er sich bewußt ist. Somit wird 'er' jedes Mal, wenn z.B. ein Gedankenimpuls auftaucht, sich dessen sofort bewußt. Folgerichtig ist seine Anwesenheit als noch vor jeder Erscheinung jenes Gedankens anzusehen. Von dieser Realität haben wir aber leider seither nichts gewusst.

Dies ist nur ein ganz leises Aufwecken, ein andeutender Denk-Anstoß, um uns auf ein noch unentdecktes bzw. längst vergessenes Phänomen aufmerksam zu machen. Mit Thien/Zen beleuchten wir unseren Geist mit zunehmender Intensität, so dass die innelebende eigene Wahrheit deutlicher und klarer erscheint. Dieses lautlose beobachtende Wesen nennen wir u.a. auch 'Bodhi–Bewußtheit'. Ob wir denken oder nicht denken, es ist sich dessen trotzdem kontinuierlich bewußt. Gleichgültig, ob ein Objekt oder kein Objekt da ist, trotz allem ist sich die 'Bodhi-Bewußtheit' dessen stets bewußt und verschwindet nicht! Wenn wir uns genau an dieser Stelle mit der Wahrheit wieder vereinigen, dann sind wir an der Ur-Quelle des Wahren Geistes angekommen. Ein Licht des gegenwärtigen Hier und Jetzt ist entzündet worden. Dem Leben wird ein völlig neuer Sinn verliehen.

Der Gründer-Patriarch des Yen Tu Bambuswald Truc Lam hatte dazu einen Vers verfasst:

„Vergnügt auf dem 'Weg', mitten im Samsara:“

„Hier Samsara, heiter auf Mittlerem Weg, lass alles 'So-Kommen'!
Wenn hungrig dann iss, ebenso müde, schlafen!
Schätze leuchten im Haus, suche nicht draußen!
Aller Schein, mit 'leerem Geist' erblickt, so frage nicht nach Zen!"

'Der Mittlere Weg' oder die Wahrheit, die zur Erleuchtung führt, ist bereits alltäglich, mitten im weltlichen Leben vorhanden, man muss sie nirgendwo weit weg draußen suchen. Wenn wir geschickt und fähig sind, uns allen Umständen anzupassen, wird unser geistiger Weg leicht sein und wir gelassen – „… Wenn hungrig dann essen, wenn müde, dann eben schlafen …“. Man muss nicht noch extra dazu eine ganze Denk-Konstruktion um das Essen und Schlafen, usw. erschaffen, um selbst darin, im Essen und im Schlafen, etc. das eigene Selbst 'ertrinken' und 'verschlafen' zu lassen. Diese Wahrheit zur Erleuchtung ist allzeit gegenwärtig. Denn gerade während wir mit all den imaginären Illusionen konfrontiert werden, ist unser Wahrer Geist stets deutlich und vollkommen. Hier muss man keine quietistische Weltflucht unternehmen oder dem Leben entsagen, um den 'Mittleren Weg' noch anderswo zu suchen. Dies ist eine reale Wahrheit mitten im weltlichen Leben, welche jeder für sich selbst verwirklichen kann.

Noch ein anderer König, Tran Thai Tong, auch er lebte im 13. Jahrhundert, ist ein lebendiges Beispiel dafür. Obwohl er mit allen anfallenden Arbeiten eines Königs beschäftigt war, konnte er dennoch den Wesenskern des Zen verwirklichen. Folgende von ihm hinterlassene Worte sind kraftspendend:

… Es gibt Menschen, welche ihr ganzes Leben verpassen, indem sie sich selbst im Vergnügen des Essens begraben. Es gibt aber auch noch nicht erwachende Menschen, die noch keinen Ausgang für ihren Praxisweg gefunden haben. Wer hätte schon geahnt, dass ihre eigene Bodhi-Bewußtheit, bei jedem von ihnen, bereits vollkommen ist. Wer hat schon gewusst, dass sie bei Keinem fehlt, ihren eigenen vollauf kerngesunden Samen der Prajna-Weisheit bereits in sich tragend …"

Der König selbst hatte die Wahrheit erkannt, dass diese bei jedem Menschen bereits vollkommen ist. Und er persönlich hatte diese Wahrheit selbst empirisch erfahren und verwirklicht. Daher stammt seine Aussage aus seiner eigenen, persönlichen, empirisch bewiesenen Erfahrung, sie entspringt der Wahrheit und nicht etwa einer glatten Hypothese und Theorie.


5. ZUSAMMENFASSUNG:

Die Ur-Quelle und Wurzel des Dhyana–Thien-na bzw. Zen-na [Abkürzung: 'Zen']  ist Gautama Sakyamuni Buddha. Er hatte die 'Thiền Định' oder das 'Dhyana-Samadhi' unter dem Bodhi-Baum praktiziert und die vollkommene Erleuchtung erlangt und verwirklicht.

Die Truc Lam Yen Tu – Bambuswald-Zen-Tradition – ist eine vietnamesische Zen-Tradition, welche der Vereinigung durch Vietnamesen entstammt, wobei hier noch ganz besonders gilt, durch einen königlichen Helden des vietnamesischen Volkes, mit der Autorität eines sehr ruhmreichen Königs.

Die Essenz seiner Lehre und Praxis lautet: 

„Buddha gleicht dem Wahren-Geist. Wem Geist innelebt, dem lebt auch Buddha inne.“

Dabei gibt es keine Unterschiede in Bezug auf Rasse und Hautfarbe. Und gerade dieser geistig wahrhaftige Aspekt fördert und ermutigt alle Menschen in ihrem eigenen Selbstvertrauen. Dadurch wird eine erwachende Einsicht von durchdringender Offenheit, Toleranz und Verständigung in Bezug auf sich selbst und zwischen den Menschen und ihrer umgebenden Welt ermöglicht. Denn jeder hat ja ohnehin einen Geist, somit lebt auch jedem ein Buddha inne. Somit ist bei Jedem die Wahrheit zur Erleuchtung vollkommen und vollständig bereits vorhanden.

Möge jeder von uns diese wahrhaftige Realität, diese lebendige Wahrheit intuitiv erkennen, leben und im Hier und Jetzt verwirklichen. Somit streben wir nach einem Leben im wahrsten Sinne des Wortes, denn dieses hat für uns jetzt einen aufrichtigeren, vollständigeren Sinn ■

Namo Sakyamuni Buddha

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !


***

Fußnote: 

[*] Wörtliche, sinngemäße Übersetzung:

„Überm Himmel, unterm Himmel – einzigst Verehrung dem Wahren Selbst.“


Im Originaltext [vietnamesisch, chinesische Umlaut]:
"THIÊN THƯỢNG - THIÊN HA - DUY NGÃ - ĐÔC TÔN".

Im Originaltext [chinesisch, vietnamesisch, koreanisch, japanisch] ist die Übersetzung des Wortes 'Selbst' so abstrakt, dass man dieses 'Selbst' beliebig aus der eigenen Sicht interpretieren kann. Da dieses 'Selbst' [im asiatisch-fernöstlichen Sprachraum] wörtlich ebenso als 'Eigene Selbst', aber auch als 'Ego', 'ich-Person' verstanden wird.

Somit ist das Wort 'Eigene Selbst' sehr vieldeutig und daher der Grund, dass Buddhas-Wort über das 'Eigene Selbst' in diesem Kontext oft zu Diskussionen mit den geistigen Phänomenen über das 'Selbst' führt.

Aus der Sicht der buddhistischen Terminologie, welche auf intuitive Erfahrungen basiert, ist das 'Eigene Selbst' – hier in diesem Kontext – als das 'Wahre Selbst' gemeint. Das 'Eigene Selbst' doch als 'Ego' zu verstehen, ist eine typische Interpretation des Wortes, welche lediglich auf Begrifflichkeit basiert und daher [wie im obigen Text] eine Erklärung des Abtes bedarf.



***


"THIỀN TÔNG VIỆT NAM - MỘT NÉT SƠ LƯỢC"
Ehrwürdiger Abt Bhikkhui Thích Thông Phương
Zen-Kloster Truc Lam Yen Tu und Truc Lam Da Lat – Vietnam

Truc Lam Yen Tu
Bambuswald-Zen-Tradition, Vietnamesischer Zen-Buddhismus
Erste Deutsche Übersetzung aus dem Vietnamesischen
von Chính Tâm
München/Vaterstetten, den 11. Oktober 2009








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