"Jeder Tritt zertrümmert unzählige Buddha-Reiche !

Jeder Blick verstummt ganzes Dharmakaya !"

Sonntag, 23. November 2014

WER IST REALISTISCHER ?



Aus der Vortragsreihe "Hoa Vô Ưu",
im 'Chân Không – Wahre Leere' 
Zen Kloster im Jahr 2001,
Vũng Tầu – Süd-Vietnam,
Thích Thanh Từ

Namo Sakyamuni Buddha !

Bevor wir uns tiefgehender mit dem heutigem Thema beschäftigen, darf ich folgende Frage in den Raum stellen: Jemand, der ein weißes Blatt Papier betrachtet, sagt, dass dieses ein schwarzes sei und wiederum, wenn er ein schwarzes Papierblatt in der Hand hält, dieses als ein weißes ansieht. Was würden wir über diese Person denken, wenn wir sie einschätzen sollten? In der buddhistischen Terminologie wird dieser Fall als 'Wahn' bezeichnet – in gemilderter Ausdrucksform als 'verkehrt-sein', im Sinne von: eine verkehrte Sichtweise haben, welche der Realität nicht entsprechend ist.

Der Buddha hat oft darüber gelehrt, dass sich alle Menschen immer wieder in den Strudel des 'Wahns', der Selbstverblendung hineinziehen lassen, d.h. sich mit unklarer Sicht zufrieden geben. In diesem Sinne ist Einer, der den eigenen Verstand/Vernunft nicht erkennt, jemand, der von der Klarheit des Geistes entfernt ist. Derjenige befindet sich dadurch in geistiger Verneblung und Verblendung und ihm ist der wahrhaftige Geist ganz und gar unbekannt, er ist im Allgemeinen ein 'Verblendeter'.

Wenden wir uns doch sogleich der Realität zu – unserem eigenen Leib im Hier und Jetzt. Fragen wir: Ist unser Körper beständig und 'echt'? Nach der tiefgründigen, buddhistischen Lehre ist dieser vergänglich, nicht beständig, nicht von Dauer und daher [in Bezug auf Schein] 'unecht'.

Doch aus unserem emotionalen Bauchgefühl heraus scheint der Körper mit allem Drum und Dran von Dauer zu sein, beständig und somit doch echt – oder?

Entweder lehrte der Erhabene Buddha hier etwas Falsches oder wir haben eine verkehrte, unrealistische Sicht auf uns? Oder sehen wir hier vielleicht etwas 'verkehrt' herum? Denn, Buddha lehrte darüber, dass der Körper nicht beständig, nicht von Dauer, nicht 'echt' ist. Doch ist unsere Meinung gegenteilig hierzu, von einem beständigen, dauerhaften und echt-seienden Körper überzeugt, so wie das weiße Papier für uns schwarz ist. Entspricht unsere Sicht vielleicht nur einer Seite der Realität?

An dieser Stelle lädt uns der Buddha ein, auch die 'letztendliche Realität' in Frage zu stellen, sie tiefgründig zu überprüfen, so als ob wir Gold mit Feuer überprüfen wollten. Somit lasst uns nun diese Thematik, Eines nach dem Anderen, tiefgründig überprüfen.

Den verhängnisvollen Zusammenhang zwischen 'beständig', 'von Dauer' und 'echt' sein und seine Konsequenzen werde ich nach und nach später beleuchten.

Wenn dieser leibliche Körper tatsächlich beständig wäre, dann würden alle unsere Vorfahren noch am Leben sein und keiner von ihnen wäre jemals gestorben.

Wenn der Körper in diesem Sinne wirklich als 'beständig' anzusehen ist, dann bleibt er für ewig – so wie er ist, unverändert. Dann würden all unsere Vorfahren, usw. nicht verstorben sein. Ein Teil der Eltern, Verwandten und Bekannten sind aber doch schon verstorben oder auch unsere teuersten Geliebten sind doch schon verstorben, und auch wir selbst werden uns eines Tages von diesem Dasein verabschieden.

Diese leiblichen Körper sind somit nicht beständig, nicht von Dauer und unecht. Im Mensch-Sein mit einem bestimmten Körper werden sie nur für eine gewisse Zeit jeweils im Dasein erscheinen, dann verabschieden sie sich und wir verabschieden sie oder sie uns oder alle sich gegenseitig oder auf einmal oder Einer nach dem Anderen – ohne Ausnahme, früher oder später, jeder, alle - Kommen und Gehen.

Zuerst ein Mal aus der Sicht der Vergänglichkeit, der Unbeständigkeit ist dieser Körper unbeständig, da dieser Körper dem Prozess des Zustandekommens, der Geburt, dem Altern, dem Tod und schließlich der Auflösung unterworfen ist. Dieser Wandlungsprozess ist eine unaufhörliche, fließende Strömung – also ebenso vergänglich, nicht beständig und kann daher auch nicht 'echt' sein.

Ein Beispiel hierzu: Ein Kind zündet eine Wunderkerze an und schwenkt diese mit einer Hand in einer immer schneller werdenden Kreisbewegung vor sich her. Von der Ferne aus nehmen wir einen 'runden Kreis' wahr. Ist aber dieser 'runde Kreis' in der Realität auch ein 'echter, runder Kreis'? Würden wir dieses als ausschließlich 'echt' bestätigen, entspräche das nicht der vollen Realität. Denn in der Tat ist dieser 'runde Kreis' nur ein Bruchteil der Realität, tatsächlich aber besteht der 'Kreis' aus einer Vielzahl an einzelnen visuellen, anhaltenden Eindrücken [Standbildern] auf unser Sinnesorgan, so dass eine einzige sich schnell bewegende Wunderkerze als 'Kreis' erscheint. Ebenso verdeutlichen das die bewegten Standbilder eines Daumenkinos, einer Diaschau und die mechanischen bis hin zu den elektrischen Kino-Lichtspielen der heutigen Zeit.

Innerhalb unseres eigenen, lebendigen Körpers finden gleichzeitig mehrere komplex ineinander wirkende Prozesse der Veränderung statt. Ziehen wir allein schon mal die kontinuierlichen Prozesse der Zellteilung in Betracht, dann sehen wir, dass dies allein schon eine Welt für sich ist.

Hier entsteht gerade eine neue Zelle, dort ist eine andere gerade beim Zerfallen. Durch das kontinuierliche Wirken zwischen Entstehung und Auflösung innerhalb der Zellen und ihrer Umgebung wird dafür gesorgt, dass dieses lebendige Konstrukt – genannt leiblicher Körper – nur über eine bestimmte Zeitspanne zusammengehalten wird. Angefangen von der Kindheit, hin zum Altern und bis zum Tod währt unser Leben dank einer unzähligen Anzahl von vorübergehenden, flüchtigen Veränderungsprozessen, welche jede in sich stets in Bewegung sind und für eine sehr, sehr kurze bedingte Existenz erscheinen. Diese unzähligen Facetten eines scheinhaften Erscheinungsmoments halten wir jedoch – unter der Annahme, dass diese auf Dauer beständig seien – für 'echt'.

Hier eine kurze Zusammenfassung dazu:
Aus einer unklaren Sichtweise heraus wird der unbeständige Körper als beständig angesehen. Aus Momenten, die eigentlich nur von kurzer Dauer sind, wird eine lang-anhaltende Dauer zugrunde gelegt. Flüchtige Momente des 'Scheins' werden nicht als unecht erkannt.

An den aus unzähligen Facetten des 'Scheins' gebildeten Ansichten [Einbildungen] klammern wir so fest, dass dieser Körper doch 'beständig', 'von Dauer', 'echt' sein müsse und doch ist dies nur eine verblendete Sichtweise, die auf Unwissenheit basiert. Unwissenheit ist der Untergrund, auf dem das Fundament samt unzähligen anderen Gemäuern und Gerüsten des Festhaltens aufgebaut ist – wie das Festhalten am falschen Selbst, Festhalten an den scheinhaften Phänomenen. So verstricken wir Tag für Tag unser Leben in dieser verdunkelten Matrix der Verblendung mit all diesen vielschichtig, übereinander gebauten Gebäuden und Konstruktionen.

Zahlreiche Sackgassen und Schein-Ausgänge erschweren zusätzlich das Entkommen. Verblendung und Unwissenheit sind wesentliche Ursachen des Leidens. Das größte Leid ist endloses Kreisen im Meer des Geborenwerdens und Sterbens, mit allen Hochs und Tiefs, darin immer weiter zu schwimmen.

Nun zum zweiten Aspekt – Das Zustandekommen der Ursachen

Buddha hat uns dazu gelehrt, dass dieser physikalische Körper durch das bedingte Wirken zwischen den 7 Hauptgruppen der manifestierten Materie zustande gekommen ist [7 Elemente]. Betrachten wir zunächst die ersten 4 Gruppen:
  • 1. Die Erste wird als 'Erde' bezeichnet und manifestiert sich in den 'festen' Formen wie Zähne, Knochen, Nägel, Haare und Bart, etc.
  • 2. Die Zweite wird als 'Wasser' bezeichnet und manifestiert sich in den 'flüssigen' Formen wie Speichel, Tränen, Schweiß, Blut, Eiter, Sekrete, etc.
  • 3. Die Dritte wird als 'Wind' bezeichnet und manifestiert sich als 'luftige' Formen wie Atmung, Gase, z.B. Sauerstoff etc.
  • 4. Die Vierte wird als 'Feuer' bezeichnet und manifestiert sich in den 'energievollen' Formen, wie die körpereigene Temperatur etc.
Je nach Lehrperiode, Aufnahmefähigkeit des Schülers bzw. zu behandelndes Thema lehrte Buddha dazu 3 weitere Gruppen von den insgesamt 7 Materie-Gruppen – von der Materie bis zum Geist:
  • 5. Die Fünfte ist das 'Leere'-Element.
  • 6. Die Sechste ist das 'Wissen'-Element.
  • 7. Die Siebte ist das 'Bewußtsein'-Element. 
Die ersten 4 der materiellen Elemente sind stofflich bis ultra-feinstofflich. Die letzten drei sind auch nach heutigem Stand der 'modernen Wissenschaft' noch unfassbar und unermesslich - und als 'ätherisch'-geistige Elemente zu bezeichnen.

Diese 4 materiellen Elemente bilden die unverzichtbare, essentielle Grundlage für einen physikalischen, lebendigen Körper – kein einziger davon darf fehlen. Die Existenz dieser 4 materiellen Gruppen innerhalb unseres Körpers ist jedoch überlebensabhängig mit den 4 materiellen Gruppen außerhalb unseres Körpers verbunden. Daher wird unser eigener Körper überhaupt nur durch das stetige Aufrechterhalten unzähliger Wechselwirkungsprozesse am Lebendig-Sein gehalten, anders gesagt: Dank der verschiedenen Wirkungsformen des 'Aus- und Verleihens' [der Materie / Energie] zwischen diesen 4 bzw. 7 Elementen.

Wenn der Bedarf an 'Wasser' steigt, meldet sich der Körper und wir hätten für ihn schon gerne ein Glas Wasser zum Ausleihen.

Wenn der Bedarf an 'Erde' steigt, meldet sich der Körper und wir hätten für ihn schon gern ein Reisschälchen oder Brot zum Ausleihen.

Wenn der Bedarf an 'Feuer' besteht, würden wir für ihn reichlich mit Ingwer, Peperoni und anderen an Energie-/Wärme-erzeugenden Elementen sorgen – auch zum Ausleihen.

Zuletzt haben wir noch den 'Wind' – also Luft, Gase, Sauerstoff, welche wir kontinuierlich und unaufhaltsam 'ausleihen' und 'verleihen' müssen.

Wenn wir nach dem 'Verleihen'/Ausatmen des eingeatmeten Sauerstoffs nicht mehr in der Lage sind, uns selbst neuen frischen Sauerstoff auszuleihen/wieder einzuatmen ist der Körper schon in Lebensgefahr.

Gibt es hier jemanden unter uns, der ohne dieses 'Ausleihen' / 'Verleihen' auskommt, noch am Leben bleiben kann? Und wenn ja, für wie lange? Gibt es hier jemanden, der andauernd nur 'ausleiht', ohne etwas zu 'verleihen' bzw. nur andauernd 'verleiht' ohne sich etwas 'auszuleihen'?

An dieser Stelle grinst und schmunzelt die Zuhörerschaft des Obersten Abtes in Erkenntnis verlegen vor sich hin … [Zwischenbemerkung des Übersetzers].

Dieser Körper wird überhaupt nur durch einen bedingten Komplex als 'lebendig' betrachtet – wie wir bereits festgestellt hatten – der aus stets in Bewegung befindlichen Prozessen zwischen 'Ausleihen' und 'Verleihen' [Austausch und Reaktionen] der Materie und Energie besteht. Ein abhängiges Leben ist es also, das aufrecht gehalten wird durch ein Tausch-Verhältnis zwischen 'Verliehenem' und 'Ausgeliehenem' - jedoch behaupten wir, dass wir vollkommen 'autark' sind und alles 'unser eigenes' sei. Erkennen wir an dieser Stelle schon, dass an unserer Sicht etwas 'Verkehrtes' dran sein muss?

Kurz zusammengefasst: Aus der zeitlichen Dimension her betrachtet, ist dieser physikalische Körper unbeständig, er verändert sich stets und kontinuierlich, daher kann er nicht als 'beständig', 'von Dauer' und 'echt' betrachtet werden. Aus der räumlichen Dimension her betrachtet, ist die Existenz dieses Körpers nur durch das bedingte Wirken und stetige Aufrechterhalten von unzähligen Austauschprozessen der 4 [bzw. 7] Gruppen der oben genannten Elemente überhaupt möglich. Daher können auch diese, ständig in Bewegung befindlichen Austauschprozesse nicht als 'beständig', 'von Dauer' und 'echt' betrachtet werden.

Dass dieser Körper nicht als 'echt' zu betrachten ist, erkennen wir überhaupt erst durch eine Reihe von verschiedenen tiefgründigen Kontemplationen, Erfahrungen und Erkenntnissen. Unter normalen Umständen jedoch – aus der Sicht der Illusion, des vom emotionalen Bauchgefühl beeinflussten Denkens her – wollte hier bestimmt kaum jemand freiwillig erkennen, dass dieser Körper nur 'vorübergehend', 'vergänglich', 'scheinhaft' und 'unecht' ist. Und da, hinter dieser unfreiwilligen Einsicht, lauert gerade ein großer Teil an Ursachen des Leidens.

Es gibt nicht so viele Menschen unter uns, die diese große Erkenntnis erreicht haben. Wenn es sogar bei vielen Mönchen noch der Fall ist, dass sie davon überzeugt sind, dass dieser Körper doch 'echt' ist – wie könnte es dann bei den gewöhnlichen Laien anders sein, so dass sie jemals ihre Sicht in Frage stellen würden? Eine offensichtliche Realität, welche für sich selbst spricht, wie schwierig es doch ist, diese äußerst vielschichtige, tiefe Verwurzelung der Unwissenheit und der Selbstverblendung aller Lebewesen endgültig herauszureißen.

Die Ursache jenes Leidens ist hier nochmals zu nennen: Statt mit der leuchtenden Kraft der Weisheit zu sehen, blicken wir mit den unzähligen Schein-Facetten der Illusion auf all die Phänomene der Welt. Dies ist ein sehr ernst zu nehmender Faktor. Lassen wir uns doch damit noch tiefgründiger befassen.

Solange wir diesen Körper als 'echt' betrachten, werden alle Bedürfnisse des Körpers, wie z.B. 'Errungenschaften' [Leistung, Können, …], Form [äußere Schönheit …], Ruhm, Ansehen, Essen, Schlafen und aber auch Form, Klang, Duft, Geschmack, Tasten eine zentrale Bedeutung haben und äußerst notwendig sein – sogar als Ziel eines Menschen-Daseins. So wichtig, so dass die Menschen mehr noch auf der Suche nach der Befriedigung dieser Bedürfnisse sind.

Wenn es ums Essen geht, dann müssen die Speisen vom Feinsten sein; wenn es ums Ankleiden geht, dann muss es auch am Elegantesten sein – samt all oben genannten Bedürfnissen mit ihren unzähligen Sehnsüchten und Verlangen nach mehr und noch mehr.

So ist an diesem Punkt aus den Bedürfnissen Gier/Begierde geworden. Die verlangende Gier und Begierde haben aber keine Grenzen / kein Maß, denn der Konkurrenz-Trieb bewegt die Menschen dazu, ihren eigenen zu erlangenden Genuss zu vermehren. So glaubt der Mensch sich in Überlegenheit zu all den restlichen Mitmenschen.

Ein Unterlegen-sein gilt für ihn als Niederlage. Wut und Zorn werden entfacht, wenn jemand uns an Dingen hindert, die wir für uns erreichen wollen. Bis hin zu aller möglichen Gewalt, um demjenigen Schaden zu zufügen, ihn auszuschalten oder zu beseitigen. Das Ergebnis aus dem gerade genannten Handeln hat einen Begriff in der buddhistischen Terminologie – es heißt: Zorn / Hass.

Somit haben Gier / Begierde und ebenso Zorn / Hass eine gemeinsame Wurzel, sie heißt: Unwissenheit und Verblendet-sein. Der leibliche Körper ist somit nicht 'echt', so wie es scheint. Jedoch diesen als echt zu betrachten, ist eine verblendete Sicht. Unklarheit bzw. Unwissenheit ist die Hauptwurzel bzw. die Ursache dieser verblendeten Sicht.

Wie wir bereits erkannt haben, wachsen aus Unwissenheit Gier und Hass. Sobald Gier und Hass entstanden sind, folgen allerlei Arten von Leid – eins nach dem anderen. Wäre die Verblendung [Unwissenheit] nicht am Werk, dann würde Gier nicht entstehen. Wenn mit einem Ruck dieser Körper aufrichtig als 'unecht' erkannt wird, löst sich die Gier im Nu auf – sofort! Denn alles als 'echt' zu betrachten, sichert der Gier ihre Berechtigung, all jene verführerische 'Echtheit' als Genuss anzusehen und für sich zu beanspruchen.

Die Reihenfolge der Benennung der terminologischen Begriffe wie Gier – Hass – Unwissenheit ist nicht sehr exakt. Richtigerweise sollte es heißen: Unwissenheit – Gier – Hass. Nach außen hin leicht zu erkennender Zorn und Hass sieht so aggressiv aus, ist jedoch tatsächlich leichter zu beseitigen. 

In jenen Schlössern des Himmelreichs [*] existiert kein Hass, weil die Bewohner jenes Reiches sofort einfach alles an Ort und Stelle besitzen, aber auch alles, woran sie nur gerade denken können. Aber hier – im Samsara – wird bald weggenommen, was wir besitzen; was wir wollen, wird bald verhindert; daher sind auch Zorn und Hass scheinbar ohne Ende. Für die Lebewesen in diesem Samsara ist der Hass so verhängnisvoll – so leicht, sich in ihm zu verstricken und ebenso schwer, sich von ihm zu verabschieden. Aber sobald sie das Himmelsreich erreicht haben, spielt der Hass dann kaum mehr eine Rolle.

Deshalb ist einer der Gründe, warum die wohlhabenden Menschen gerne so wirken, als ob sie weniger Hass gegenüber Anderen besitzen, auch nur, weil ihre Wünsche leichter in Erfüllung gehen. Im Gegensatz zu den armen Menschen, die rasch ihr geringes, hart erarbeitetes Hab und Gut verlieren, noch schneller, als sie dieses in Besitz nehmen konnten. Das sind nur einige Gründe für ihren angestauten Frust, der sich dann leichter entfachen lässt.

In der oben aufgeführten flüchtigen Analyse lässt sich schon Einiges erkennen: Die Ursache des Hasses von seinem Wesen her, ob bei den Wohlhabenden oder bei den Armen, von der Wurzel bis samt zur Baumkrone, stammt von einem einzigen Samenkorn ab – es heißt: geistige Verblendung, erscheinend in unzähligen Formen des Festhaltens an falscher Sicht.

Unser menschlicher Körper besteht aber aus zwei Komponenten: Der eine ist die Materie – der physikalische Leib; der andere ist der seelische Teil – also der Geist. Die beiden verschmelzen ineinander durch eine gegenseitig-bedingte Existenz.

Den physikalischen Teil unseres Körpers haben wir bereits kurz behandelt. Jetzt beschäftigen wir uns mit dem geistigen Teil. Was zählt als unser Geist?

Gibt es jemanden hier, der noch nie zuvor folgendes gedacht hat, dass was er so … oder so … denkt, dass es zu seinem 'eigenen Geist' gehört? Fast alle Menschen haben ein ähnliches Denkmuster. Sie sind davon überzeugt, das, was sie denken, verstehen und unterscheiden, dass es auch ihrem 'eigenen Geist' angehört. An dieser wichtigen Stelle versuchen wir gemeinsam auf diese Frage aufrichtig einzugehen. Denn diese entscheidende Frage ist außerdem auch sehr diskret und wir müssen sie daher sehr ernst nehmen und tiefgründig untersuchen.

Fangen wir gleich an mit dem Beispiel: Falls jemand uns provoziert, zeigen wir als Reaktion: "Ich bin zornig!". Hier sehen wir einiges Bemerkenswertes: Wer ist hier zornig? Die bestätigende Antwort ist wie immer: "Ich!" Also das 'Ich' ist zornig geworden. Der Zorn ist auf einmal dem 'Ich' angehörig. Das 'Ich' wird zum Zentrum des Zorns. Der Zorn und 'Ich' sind nun identisch. Daher die Schlussfolgerung: Mein[e] eigene[r] geist[ige] Verfassung ist zornig.
Ebenso, falls jemand uns etwas ganz Gutes tut, ist unsere Reaktion: "Ich mag das!" Hier hat die Gier ihren Anfang.

Falls jemand uns beleidigt, dann sagen wir als Reaktion: "Ich bin traurig!"

Falls jemand uns als hübsch, charmant empfindet, dann sagen wir: "Ich liebe Dich!"

Falls jemand uns als grob, abstoßend oder unpassend findet, dann sagen wir: "Ich hasse Dich!"

Und so weiter und so fort. Jedes Mal haben wir selbst bestätigt, dass 'das Ich' das Zentrum der Gier, des Hasses oder sonst noch Möglichem ist. Somit ist 'Gier' dem 'Ich' gleich bzw. identisch. Der Hass ist somit auch dem 'Ich' gleich bzw. identisch. Mit dem 'Ich' und dessen Identifikation in Verbindung mit allen anderen Empfindungen und Einsichten verhält es sich ebenso nach dem oben genannten Muster: Gier bin ich; Zorn bin ich; Hass bin ich; Trauer bin ich; Alles Mögliche bin ich … Alles gehört zu meinem Geist.

Ist das wirklich so, wie wir gedacht haben? Ist es wirklich so, dass all diese Dinge zu unserem eigenen Geist gehören? Diese ist eine von vielen wesentlichen Fragen – gehört zu den brennenden Fragen vieler Buddhisten, welche sie seit jeher noch nicht selbständig bewältigen konnten, um darauf eine zufriedenstellende Antwort zu finden.

Wir stellen uns hier einigen simplen Fragen: "Von der Geburt an bis jetzt – ist unser eigenes 'Ich' Ein und das Selbe oder verschieden?" Ist der 'Herr A' im Moment seines letzten Atemzuges auch der 'Herr A' wie bei seiner Geburt? Oder ist bis dahin aus 'A' schon ein 'B' oder ein 'C' geworden? Ist er immer noch derselbe oder verschieden? Oder doch mehrere?

Hier erkennen wir eine Realität: Nämlich, dass sich der 'Herr A' bei seiner Geburt erstmal 'Säugling' oder 'Baby A', etc. nennt. Ein bißchen älter nennt er sich 'Kind A', 'Junge A', etc. und dann erst 'der Herr A'. Dazu kommt alles Mögliche wie 'der Onkel A', 'der Opa A' oder aber auch der 'Greis A', etc. – jedoch wird er nicht zu 'B' oder 'C'. Aus der Erscheinung des 'Ich-Selbst' an dieser Stelle ergibt sich als erster Eindruck, dass es sich immer noch um ein und dasselbe 'Ich' handelt.

Aber jetzt erinnern wir uns doch einmal rückblickend an das obengenannte 'Ich', das gedacht hatte, dass "alles Mögliche 'Ich' bin". Also wohin jetzt mit der ganzen 'Trauer', 'Liebe', 'Zorn', 'Hass', 'richtig' und 'falsch', etc.? Denn es gibt hunderte, tausende davon. Welches von den hunderten, tausenden von Erscheinungen des 'Ich', sind denn nun das 'Ich' wirklich? Es ist sehr realitätsfern, wenn wir sagen würden, dass das, was als 'Ich' zählt, auch allen diesen hunderten der oben genannten Erscheinungen gleicht. Sind 'Wir' 'Das' wirklich, eine Menge von ständig in geistigem Identitätsstreit miteinander rivalisierenden Gestalten wie Trauer, Zorn, Hass, im Recht oder Unrecht sein etc. ?

Allen diesen Fragen müssen wir sehr tiefgründig nachgehen und wir sollten auch sehr tiefgründige Einsichten daraus gewinnen.

Ein einleuchtendes Beispiel hierzu: Es gibt vielleicht hier unter uns einen Buddhist [oder vielleicht auch Buddhistin], der den ganzen Tag lustlos im tiefen Sinkflug der Trauer versinkt, seufzt und ächzt, lang und schwer atmet. Seine bewölkt-trübe Laune ist so aussichtslos, als ob er gleich abstürzen würde, wenn er nur Flügel hätte. [Der Oberste Abt schaut und bewegte die Hände so, wie ein Adler im Sinkflug gleitend]. Plötzlich kommt ein Freund jubelnd hineingestürzt und ruft aus: "Dein gestern gekaufter Lottoschein ist ein Sechser – Volltreffer! Du bist ein Millionär!"

Noch traurig? Da sehen wir Einen, der auf einmal vor Freude überwältigt hochspringt, der vor Glück tanzt und triumphiert: "Ich bin ein Millionääär ...!!! Ein Milliooonääär bin ich !!!"

Wenn die 'Trauer' tatsächlich ist und bleibt, mit dem 'Ich' identisch wäre, dann müssten wir doch lebenslang in Trauer leben. Hier ist aber eine ganz reale Situation, die dagegen spricht: Das 'Trauernde-Ich' hörte eine freudige Nachricht und im Nu ist seine Trauer verschwunden.

Aber, als seine Freude höchstes Glück erreichte und er selbst den Lottoschein mit den offiziellen Zahlen vergleicht, muss er feststellen, dass es doch eine Niete war. Seine Freude war ebenso im Nu verschwunden. Es hatte sich als Irrtum herausgestellt. Somit sind die Nummer seines Lottoscheines samt Freude, Tanz und Jubel abermals absurd und daneben. Anstelle dessen herrscht wieder tiefe Trauer – noch tiefer als zuvor. Trauer und Freude wechseln die Position wie Wolken am Himmel. Welche von dem ist wirklich mein wahrhaftiges 'Ich'?

Mit Wut, Zorn, Hass verhält es sich ebenso. Es gibt Menschen, die andere Menschen so tief und verbittert hassen. Jedoch, sobald eines Tages sein eigenes Geschäft Pleite geht, er im Schuldenberg versinkt, das Leben, die eigene Existenz bedroht ist … In der Not kommt der bisher verhasste Mensch vorbei, borgt ihm großzügig eine große Menge Geld, die Schulden somit sind ausgeglichen – samt Geschäft, das Leben blüht wieder und floriert weiter. Wo war nun der Hass geblieben? Auch hier war er im Nu verschwunden!

Hier reden wir deutliche Worte, um grundsätzlich zu unterscheiden und die Ursache des Leidens [Hass und seine unzähligen, vortäuschenden Erscheinungen …] bis an ihre Wurzeln aufzudecken, zu analysieren, zu erkennen, um schließlich diese aufrichtig mit Bewußt-Werdung, Weisheit und Mitgefühl auf heilsame Weise durchleuchten zu lassen. Jegliche Form des Hasses und dessen [absichtliche oder unbewußte] Verzerrung, Verharmlosung, Duldung oder einseitige, doppelzüngige Ignoranz entsprechen nicht der Lehre Buddhas.
[Zwischenbemerkung des Übersetzers:

"Bodhidharmas Zen-Hütte 
hat weder Dach, Boden, noch Wände – 
durch deren Spalten oder Schlüsselloch 
vergeblich gesucht haben, 
einmal hineinschielen zu können".]

Somit ist das Wesen der 'Liebe', des 'Hasses' und derartiges … unbeständig, nicht von Dauer, nicht 'echt', jedoch grundsätzlich von 'real' zu unterscheiden!!! Alle diese hängen von den bedingten Ursachen und Wirkungen ab bzw. sind dadurch zustande gekommen. Wenn die Ursache gegen den Willen als 'Hindernis' erscheint, wird daraus Zorn und Hass entstehen, ebenso, wenn die Ursache gegen den Willen zum Verlust führt, wird daraus Trauer, etc. entstehen … usw. und zwar sofort, denn es gibt keine dualistischen Phänomene, die für immer feststehend verbleiben.

Nicht nur, dass alles nicht fest arretiert, nicht beständig ist, sondern vielmehr ändert es sich wie Wolken am Himmel, wechselt auch seine Position so schnell wie die Blätter eines rotierenden Propellers. Vor dieser Realität stehend, behaupten wir dennoch, dass all diese 'meinem eigenen Geist' angehören. Folgerichtig ist dieser, 'mein eigener Geist' vom Wesen her ein unbeständiger Schein, nicht von Dauer und unecht.

Die verblendetsten Menschen der Welt haben eine verschlissene [verrostete] Gewohnheit, sich daran festzuhalten, dass das, was sie sagen oder denken, auch richtig sein muss und alle Anderen ihren Ideen folgen müssen. Wenn sich jemand gegen ihren Willen stellt, ihn nicht befolgt, so werden sie Hass entwickeln, um den Widerstand zu unterdrücken.

Je näher wir zur tiefsten Ebene des Geistes vordringen, desto besser erkennen wir, dass die Lehre Buddhas so tiefgründig und unübertrefflich einleuchtend ist. Buddha hatte uns gelehrt: Wenn wir etwas über unser Denken äußern wollen, dann sollten wir auch in der Lage sein zu sagen: "Das ist meine Meinung.", "Das ist mein Gedanke." und nicht etwa krampfhaft daran festhalten und noch hinzufügen: "Meine Meinung ist richtig!" bzw. "Mein Gedanke ist richtig!", denn im Samsara – auf der relativen Ebene des Geistes unter den Menschen – herrscht keine beständige Wahrheit.

Der 'Richtigkeit' des Einen kann die 'Richtigkeit' der Anderen widersprechen, diese ist zeitlich aber auch räumlich bedingt und dadurch begrenzt. Auch die 'Gesetze' eines Landes sind zeitlich und dimensional bedingt – können und sollen nur innerhalb eines bestimmten dafür geschaffenen 'Geltungsbereiches' ihre Gültigkeit haben. 'Maßgebliche Dinge' aus dem Mittelalter sind in der heutigen Zeit nicht mehr zutreffend. Aber immerhin geschah es, dass eine kleine Menge von Menschen eine große Menge von Menschen dazu gezwungen hat, bestimmte 'maßgebliche Dinge' zu akzeptieren. Nur um eines Tages, wenn die Zeit ihrer 'maßgeblichen Dinge' zur Neige geht, um an ihrer Stelle bald wieder neue 'Maßstäbe' aufzustellen. Denn es gibt keine unveränderten Maßstäbe und Phänomene, die für jeden Raum, jede Zeit unverändert manifestiert werden könnten. 

Die menschlichen Wesen wollen jedoch unbedingt krampfhaft an den scheinhaft vorgetäuschten Maßstäben und Phänomenen, die sich hinter 'richtig' und 'falsch' … verstecken, festhalten – so fest –, weil sie diese für 'echt' halten. 

Wegen des Festhaltens am falschen Selbst klammert sich der Mensch an seinen Streitigkeiten fest, um eine erhoffte Position des 'Im-Recht-Sein' doch noch zu behalten. Festhalten ist ein konfrontatives Verhalten gegenüber Vernunft und Weisheit. Es wird nicht lange dauern, bis es handgreifliche Schlägereien unter ihnen gibt, weil die eigenen 'Rechte' nie genug haben. Es wird nicht lange dauern, denn Einen wird es geben, der alle Rechte für sich behalten will.

Das ist der Grund, weshalb die gierigsten, verblendetsten Menschen seit jeher zu gern – 'im Namen des Rechts' tätig zu sein vortäuschend – sämtliche Rechte aller Menschen, alle Ressourcen des Planeten für sich allein beanspruchen und rechtfertigen. Ihre Wege zum Ziel sind Krieg und Gewalt, Hinterlist und Leiden – endloses Leid für sich selbst und allen Anderen.

Der immer wiederkehrende Konflikt des 'Recht-haben-Wollens' innerhalb einer Familie ist allein allzu oft eine fast tägliche Realität, denn jeder will Recht für sich behalten und keiner gibt nach. Die Folgen sind Streitigkeiten, die nächste Stufe ist schon Handgreiflichkeiten, die letzte ist die Scheidung.

Auch nur ein bisschen näher in das geistliche Konstrukt des menschlichen Wesens zu blicken, lässt gleich erkennen, dass dieser ein verwirrtes Konstrukt ist. Vergleichbar mit einem geistigen Müllberg, in dem hunderttausende von verschiedensten organischen Dingen chaotisch über und übereinander gestapelt und zusammengepresst sind. Aber fast gar kein einziges von den zersplitterten Gestalten ähnelt auch nur einem Hauch der Wahrheit.

Jedoch gibt es zu wenige Menschen, die ihre 'Falschheit' freiwillig zugeben. Sogar ein Einbrecher, wird ebenso versuchen, 'Recht' zu bekommen und wird doch auch seine 'rechten Gründe' finden, um seine Tat zu 'rechtfertigen'.

Wenn der 'Zu-Rechtfertigende' als Einzelner jedes seiner 'eigenen Rechte' gegen die eines Anderen prallen lässt, eskaliert der Streit. Wenn diese 'Zu-Rechtfertigenden' auf der kollektiven Ebene einer Gemeinschaft gegeneinander aufeinanderprallen, eskaliert die feindliche Konfrontation. Wenn diese 'Zu-Rechtfertigenden' auf der kollektiven Ebene eines Volkes gegeneinanderprallen, eskalieren hasserfüllte Kriege und endloses Leid … Die Ursache hat hier ihren Anfang: Das verhängnisvolle Anketten von Jedem an 'seinem eigenen Geist'.

Wenn doch jedem Menschen bewußt werden könnte, dass das Wesen seines Denkens unbeständig, nicht von Dauer und unecht ist! Somit könnte er auch die Gedanken und den Andersdenkenden leben lassen, so wie sie ihn ja auch leben lassen. Er würde sich nicht so fest an seine eigenen anketten, so wie ein 'Sklave des Geistes' sich zu 'versklavten Geistern' verwandelt, die unbedingt endlose weitere Geister als Geiseln einfangen wollen. Dann würde es gar keine Streitigkeiten aus Hass geben, welche zu endlosen gewalttätigen Konfrontationen des Hasses führen und von hasserfüllte Kriege entfachen können.

Ein verhängnisvolles Unheil wird auch erst dann entstehen, wenn sich der Eine an seine eigenen Gedanken selbstzerstörerisch ankettet: So dass alle Anderen 'falsch' denken, nur er allein als 'Auserwählter' – als Einziger – 'richtig' denkt …

Wegen des geistigen Festhaltens an diesen beiden falschen Sichtweisen über seinen 'eigenen Körper' und über seinen 'eigenen Geist' erzeugt das menschliche Wesen in diesem Samsara für Andere endloses Leid: Um größtmöglichen Überschuss an materiellem Vorrat und Ressourcen für den eigenen Körpergenuss zu sichern, ist es bereit, sich immer wieder in jede gewalttätige Konfrontation zu verstricken. Ebenso ist es bereit, aus Angst vor Verlust an geistiger Nahrung für seinen 'eigenen Geist' wie 'Richtig' und 'Falsch', 'Sieger' und 'Verlierer' … sich noch tiefer in den blutigen Sumpf des Hasses hineinzustürzen. Wie verhängnisvoll das ist, dieses Festhalten an den zwei falschen Sichtweisen!

Daher hatte der Buddha uns konkret gelehrt, dass wir unser Festhalten an der Beständigkeit, der 'Unvergänglichkeit' des Körpers und den scheinhaften Konstruktionen des Geistes und schließlich deren Unechtheit, tiefgründig überprüfen sollen.

Aber gleichzeitig hatte Buddha uns auch wiederholt gelehrt, dass es etwas unübertrefflich Wahrhaftiges gibt, welches wir aber seit jeher längst vergessen haben. Daher es ist wichtiger als je zuvor, ob wir uns mit einem Ruck uns selbst wachrütteln wollen, um endlich bewußter und wacher zu sein, uns entschlossen auf die Suche zu machen, um diesen vergessenen unübertrefflichen wahrhaftigen Schatz wiederzufinden. Andernfalls, bis wann und wie überhaupt könnten sonst die Lebewesen endlich von den grässlichsten Mächten des Leidens für immer befreit werden?

Wenn wir aufrichtig in aller Ruhe einmal versuchen würden innezuhalten, ernsthaft der Spur des unterscheidenden Denkens des Geistes nachzukommen, um auch nur einen seiner fassbaren Gestalten wiederzufinden, dann werden wir bei vollem Bewußtsein gleich feststellen: Diese unterscheidenden Gedanken sind einfach spurlos verschwunden! Ganz gleich, wie viel Wiederholungsversuche es sind – je bewußter der wiederholte Versuch ist, desto deutlicher ist das 'Ergebnis': Keine einzige Spur von den ganzen Gedanken ist wiederzufinden – nichts von dem ist wiederzufinden. Obwohl dieser gerade noch auf der 'Leinwand des Geistes' spürbar erschien, ist im Nu nichts mehr davon wiederzufinden, geschweige denn zu erfassen. Weil wir unsere eigenen Gedanken auch nach mühsamen Wiederholungsversuchen nicht wiederfinden konnten, kommen wir zu der ersten ernüchternden Erkenntnis, dass diese nur scheinhaft und nicht echt sind.

Gleich ein simples Fallbeispiel: Wenn wir einmal zornig sind, können wir mit vollem Bewußtsein sogleich versuchen, den 'Zorn' sofort an Ort und Stelle zu erfassen. Mal sehen, wo er sich versteckt? Erst wenn wir den Zorn tatsächlich wiedergefunden haben und auch sagen können, wo genau er sich gerade versteckt hielt, dann erlauben wir uns vielleicht ruhig weiter zornig sein zu dürfen. Wenn wir ihn aber gar nicht wiederfinden können, geschweige denn ihn erfassen können, wieso dann nicht gleich hier an Ort und Stelle ihm zu winken "Adieu, auf nimmer wiedersehen!" ??? Das ist doch eine einmalige Chance, den 'Lieblingsgeist' – der 'böswillige Zorn', den wir längst verabschieden wollten –, nun auf einmal doch so leicht loszuwerden oder? Wofür und wozu ihm noch eine Behausung zubilligen? Ihm, der für uns so eine Belastung darstellt? Der 'unseren Geist' andauernd betrübt und ihm Schaden zufügt? Jeder von uns wollte doch schon mal den Zorn loswerden oder mindestens einmal von den 'zornigen Geistern' des 'eigenen Geistes' befreit sein oder?

Somit ist die Zen-Praxis ['Tu Thin'] doch gar nicht so schwer, so wie es sich viele Menschen oft vorgestellt haben. Es bedarf keiner prunkvollen Zeremonie des blinden Glaubens, keiner rituellen Strenge und es braucht weder Zaubersprüche wie 'Hokuspokus' noch Magie, etc.

Es reicht, wenn wir bei vollem Bewußtsein auf unseren 'eigenen Geist' selbst blicken; wenn wir sofort und direkt auf die unzähligen geistigen Gestalten blicken und zwar genau dorthin, wo sie sich gerade flüchtig aufwirbeln, um herauszufinden, wo sie herkommen und wohin sie verschwinden. Weil sie aber von sich selbst aus verschwunden sind, erkennen wir, dass sie vom Wesen her nur scheinhaft und daher nicht echt sein können.

Seit langem gibt es viele unter uns, die sich 'Buddhisten' nennen, jedoch noch nicht in der Lage sind, von sich aus einleuchtend zu erkennen und auch selbst bestätigen könnten, dass ihr eigener Körper, ihr eigener Geist vom Wesen her unbeständig, nicht von Dauer und unecht ist. Oh ja, das ist Realität. Sie haben noch Ängste und Befürchtungen – Befürchtungen über den Verlust des eigenen 'Körper-Genusses', Ängste vor Verlust des eigenen 'Geist-Genusses', vor dem eigenen 'Selbst-Verlust'.

All ihre 'Ängste' sind auch 'zu Recht begründet', weil sie sich doch noch nicht entschlossen haben, aus eigener Kraft heraus für ihre eigenen Einsichten und Erkenntnisse gerade zu stehen. Ihre Einsichten und Erkenntnisse sind noch nicht einleuchtend genug.

Wenn sie schon etwas als Schein, als Unbeständiges, als Unechtes erkennen, dann bitte auch tatsächlich als Schein, als Unbeständig, als Unechtes mit vollem Selbstbewußtsein sicher und deutlich bestätigen und nicht doch noch eine zweifelhafte Zwietracht in den Hintergedanken für sich behalten!

Diese 'Buddhisten' sind 'erwacht' während der Zeit, wo sie Erkenntnisse und Weisheit aus den buddhistischen Sutren hören. Sobald das Buch zusammengeklappt ist, 'träumen' sie aber weiter oder sie nicken sogar noch beim Zuhören ein. Ihr geistiges Spiel wechselt hin und her von 'Erwacht-Sein' zu 'Verträumt-Sein'. Mal 'Erwacht-Sein' mitten im Träumen, mal 'träumen' bei vollem Bewußtsein, so verbringen sie ihre Zeit Jahr für Jahr. Mit so einem verträumten Geist in der Nacht unterwegs, sind viele Buddhisten dennoch stolz, darüber zu berichten, dass sie ihre Namen schon so lange als 'Absicherung' bereits 'bei Buddha eingetragen' haben. Jedoch beklagen sie sich gleich darüber, dass ihr Heilsweg immer leidvoller und stockdunkler wird, so dass sie nicht mehr weiter durchblicken können. Aber wenn bei ihnen nachgefragt wird, ob sie denn auch eine 'Laterne' (1) besitzen, dann antworten sie alle gleich: "Nein, welche Laterne denn?"

Die Mehrzahl der oben erwähnten Buddhisten sammeln für sich eher noch 'karmische Vorteile' für endlose Wiederkehr des 'Wiedergeboren-Werdens/Sterbens', anstatt darüber hinaus die Befreiung zu wollen. Wie lange wandeln die 'Traumwandler' noch? So mögen ihre 'erwachten Erkenntnisse' nicht bald wieder 'einschlafen' und sie diese jenen Träumen opfern!

Jede Nacht rezitieren wir das 'Maha Prajna Paramita Herz-Sutra'. Nach der tiefgründigen Kontemplation stellt sich heraus, dass alle Fünf-Skandhas doch 'leer' sind. Unter anderem gehört auch dieser leibliche Körper zu den 'Form-Skandhas'. Und 'unser Geist' gehört wiederum zu den 'Empfindung-', 'Denken-', 'Wandlung-' und 'Bewußtsein-Skandhas'. Wenn diese beiden Komponenten Körper und Geist als 'leer' und unecht erkannt werden, werden wir 'augenblicklich von jeglichem Leid entfesselt, restlos befreit' sein. 'Das Innerste Wesen der Fünf-Skandhas wurde durchleuchtet' bedeutet hier: tiefgründige Kontemplation und Analyse über Körper und Geist. Da ihre Wesen doch 'leer' sind, werden sie durch das bedingte Wirken nur vorübergehend zusammengehalten, sie sind unbeständig, vergänglich, nicht von Dauer, scheinhaft und unecht.

Was ist denn dann mein 'wahrhaftiges Selbst'? Diese ist eine äußerst tiefe und ernst zunehmende Frage. Und es fordert von uns allen Mut und Kraft, um sie beantworten zu können.

Ein roter Faden durchläuft die Lehre Buddhas und diese lehrt uns wiederholt, dass es etwas unübertrefflich Wahrhaftiges gibt, welches wir aber von jeher vergessen haben. Aus den buddhistischen Sutren erkennen wir oft ein bekanntes Bildnis wieder, in dem ein armer Mann von seinem reichen Freund mit einer guten Mahlzeit und außerordentlich viel Schnaps und Wein bewirtet wurde. Beim Abschied, als er völlig besoffen ist, bekommt er von dem reichen Freund noch einen großen, edelsten Juwel extra in die Tasche gesteckt in der Hoffnung, dass er nun weniger ärmlich sein wird.

Sturzbesoffen verlässt der Arme seinen Freund. Nichtwissend, dass er einen Juwel in der Tasche hat, verbringt er sein Leben weiterhin als Bettler in Armut. Als er bald den reichen Mann wiedertrifft, erinnert ihn dieser daran, dass er doch einen Juwel in der Tasche hat. Erst seitdem er seinen eigenen Juwel wiederentdeckt hatte, war nun seine Armut endlich vorbei.

Die Ursache seiner Armut war hier seine Vergesslichkeit. Vom Freund daran wiedererinnert, greift er in die Tasche und hat den Juwel sogleich wiederentdeckt. So wechselt er im Nu vom Bettler zu einem reichen Mann. Alles geschieht in einer Handumdrehung.

Einst hatte Buddha in dem 'Lotus-Sutra' das obige Beispiel verwendet, um allen Lebewesen das unübertreffliche Wahrhaftige aufzuzeigen, welches wir seit jeher vergessen hatten. Wegen dieser 'Vergessenheit' werden die Lebewesen die Ursache ihres Leides nicht erkennen, nicht darüber erhaben sein können.

Buddhas aller 'Drei Zeiten' hatten bereits darüber verkündet und alle Patriarchen-Schüler Buddhas hatten wiederholt darüber verkündet, dass allen Lebewesen ein unübertrefflicher, wahrhaftiger 'Bodhi-Geist' (2; 3) bzw. eine 'Bewußtheit-des-Geistes' innelebt, jedoch sind sie nicht darüber bewußt.

Und wo 'versteckt' sich diese 'Bewußtheit-des-Geistes'? Bzw. wie sieht ihre 'Gestalt' aus? Dafür versuche ich Euch hier behilflich zu sein und andeutungsweise und verständlich aufzeigen.

Zuerst nehme ich ein einfaches Fallbeispiel [zur Analyse]:

So wie jetzt diese Blumenvase hier: Mit dem erstem Blick betrachte ich diese, so wie sie ist. Als Nächstes folgt, wenn ich gedanklich unterscheide, dass diese 'schön' oder 'hässlich', etc. ist. Als Drittes die Beurteilung, wenn ich diese als 'schön' empfinde, dann 'lobe' ich, wenn als 'hässlich', dann 'kritisiere' ich sie.

Wenn ich beim 'ersten Blick' bleibe, also diese Blumenvase nur betrachte, so wie sie ist und nichts weiter, wird hier noch kein 'Karma der Gedanken' erzeugt. Aber, sobald ich gedanklich beginne zu unterscheiden, zu beurteilen, dass sie 'schön' oder 'hässlich', etc. ist, dann folgen fast zugleich die 'Zu-Neigung' wie 'Liebe', etc. bzw. 'ab-stoßende' Empfindungen wie 'Hass', etc. Aus dieser 'Liebe' oder 'Hass' kommen die ersten 'gütigen Karmas' bzw. 'nicht-gütigen Karmas' zustande. Was verführt uns hier in den Strudel des Leben-Sterben-Kreislaufes zu geraten? Namentlich heißt es: 'Karma'!

Somit sind die ersten 'Karmas der Gedanken' nicht gleich am Anfang, beim 'ersten Blick' entstanden, sondern erst bei dem zweiten und dritten. Während des ersten Schritts, wenn wir diese Blumenvase nur betrachten, so wie sie ist und sie nicht bewerten, also wo die unterscheidenden Gedanken noch nicht aufgewirbelt werden, sind wir trotzdem über diese Blumenvase klar und einleuchtend bewußt, so wie sie ist. Erst beim 'zweiten' und 'dritten' Blick wird es 'problematisch'.

Bei der 'Betrachtung des Menschen' verhält es sich ähnlich. Wenn wir nur bei dem 'ersten Blick' bleiben, über ihr Dasein vollkommen bewußt, so wie sie sind, werden gar keine 'Probleme' entstehen. Wir bleiben aber nicht so gerne dort bei der Bewußtheit des ersten Blicks stehen. Wir 'hopsen' nur zu gern gleich zu dem 'zweiten' und zu den 'dritten' rüber: „Derjenige ist ein Weißer oder Dunkel-häutiger, ein/e Niedliche/r, ein/e Hübsche/r, ein/e Hässliche/r, ein/e Grobe/r, ein/e Charmante/r, etc.”, um sogleich dazu jeweils entsprechend mit 'Liebe' oder 'Hass', etc. mit einer 'Etikette/Marke' zu betiteln und so weiter und sofort. Da geht es los …, ab hier hat es kein Ende, kein Halten mehr … Daher ist zu wiederholen: Was uns in den Strudel des Leben-Sterben-Kreislaufes hinein verführt, sind hier die 'dritten Schritte'.

Mit dem 'Hören' verhält es sich ebenso: Wenn wir die 'Töne' nur als 'Töne' und die 'gesprochenen Worte' nur als 'gesprochene Worte' wahrnehmen, so wie sie sind, nicht mehr und auch dabei bleiben würden, so wie sie sind – nur so, wie wir sie gehört haben, ohne 'Lob' oder 'Kritik', von 'Freund' oder 'Feind' stammend, etc. – dann würden auch keine 'Probleme' entstehen. Es wird aber sofort 'problematisch', wenn wir die 'Töne' oder 'gesprochenen Worte' gedanklich anfangen zu unterscheiden und zu beurteilen, usw.

Somit auch beim 'Sehen' – bleiben wir nur beim 'Sehen'. Beim 'Hören' – bleiben wir nur beim 'Hören'. Mit dem 'Riechen', 'Kosten', 'Fühlen' verhält es sich ebenso. 'Stehenbleiben' bedeutet hier, dass wir nicht sogleich eine Unterscheidung oder Beurteilung hinzufügen.

Kann man eigentlich dieses rein 'Bewußtes-Sehen', rein 'Bewußtes-Hören' …, welches frei von jeglichem geistigen Aufwirbeln ist, auch als irgendeine 'Form' oder als ein 'Gestalt-ähnliches' einordnen und beschreiben???

Dass wir diese Blumen als 'schön' oder 'nicht schön' überhaupt unterscheiden können, ist dem Vergleich zwischen dieser realen Blume mit dem zuvor gespeicherten imaginären Schein jener 'Blume' aus dem Speicher-Bewußtsein zu verdanken und ist somit ein Erinnerungsprozess. Aus dem Ergebnis dieses Vergleichens entstehen erst die Vorurteile wie 'schön' oder 'nicht schön', ebenso zugleich die entsprechende 'Zu-Neigung' oder 'Ab-Stoßung'. Das bedeutet, dass wir für uns eine Abbildung [imaginärer Schein als Eindrücke auf der Netzhaut] mit den anderen Abbildungen/Eindrücken [eben imaginärer Schein] aus dem Gedächtnis [Speicher-Bewußtsein] verglichen haben.

Etwas, was wir als 'Gesehenes' empfinden, ist vom Wesen her nur ein flüchtiger Schein. Diese unbeständigen Denk-Impulse sind illusorisch, nicht von Dauer und unecht. Sie [etwas Gesehenes und mit ihm die Wahrnehmung als jenes] sind flüchtige Abschnitte eines andauernden, in Bewegung seienden, bedingten Wandlungsprozesses zwischen Erzeugung und Erlöschen ['Karma des Geboren-Sterbens']. Jedoch wollen die meisten Menschen ihr Leben lieber mit diesem 'gefährlichen' flüchtigen Schein des Gesehenen, also dem zweiten und dem dritten Schritt verbringen, als von diesem 'Karma frei' zu sein. Die Freiheit ohne Vergleich ihres ersten Blicks, der ersten Begegnung haben sie ganz und gar vergessen.

Was bedeutet nun hier der 'erste Schritt'? Dieser ist der Wahre Geist / die Bewußtheit des Geistes. Er ist leuchtend, über alles bewußt, jedoch frei von Unterscheidung und Vorurteilen. Der Wahre Geist ist über Zeit und Raum erhaben.

Der 'zweite Geist' und der 'dritte Geist' sind 'falsche Geister'. Sie sind unbeständig und trügerisch. Unser Leiden kommt davon, dass wir selten bei dem Wahren Geist bleiben wollen, wir folgen lieber dem 'falschen Geist' hinterher. Ein wahrhaftiger Zen-Praktiker oder ein wahrhaftiger Zen-Meister betrachtet diese Blume nur als Blume, so wie sie ist, nichts weiter hinzufügend. Daher kommt es vor, dass ihr Gesehenes bzw. ihr Gehörtes, … auf den ersten Eindruck bei den Menschen als zu 'einseitig' erscheint. Im Volksmund betiteln sie unbewußt sarkastisch deren Sicht [wenn die 'Blume nur als Blume' gesehen wird] und sagen einem Zen-Meister ironisch 'blindes sehen', 'taubes hören' nach.

In der Tat ist es jedoch das Gegenteil: Das 'Bewußt-Sehen', 'Bewußt-Hören', … eines wahrhaftigen Zen-Praktikers – eines wahrhaftigen Zen-Meisters – ist stets leuchtend und klar. Denn mit dem 'Bewußt-Sehen', 'Bewußt-Hören' von meisterlicher Disziplin ist auch ihr Gesehenes, Gehörtes, … ebenso stets von leuchtender Klarheit durchflutet. Dies ist nur dank des 'ersten Blickes' möglich, der ungetrübt, ganz frei von allen Vorurteilen und Bewertungen des zweiten und dritten Schrittes ist.

Wir alle – jeder von uns – besitzen einen eigenen 'ersten Blick' [der 'ersten Begegnung']. Jedoch gibt es kaum jemanden, der dort bleiben will. Wir 'hopsen' lieber gleich 'so flink' und sofort zu dem verführerischen Zweiten und dem unwiderstehlichen Dritten. Dass unser sechstes Denk-Bewußtsein aber blitzschnell und äußerst flüchtig ist, ist auch der Grund, weshalb diese geistigen Müllberge aus Vorurteilen wie 'schön/nicht schön, …' und daraus 'Lob oder Kritik, …' usw., usf. sich auch genauso blitzartig, in Blitz-Geschwindigkeit, beliebig um Etliches vermehren.

Die oben geschilderten Ansätze sind für jeden Menschen eine intuitiv-erfahrbare Realität – die realistischen Phänomene des alltäglichen Geistes. Darüber wissen jedoch nicht nur allgemein die meisten Menschen, sondern auch viele 'Buddhisten/-innen' nichts.

Ein wahrhaftiger Zen-Praktiker in seiner täglichen Übung sieht 'nur-das' und hört auch 'nur-das', was er gerade sieht oder hört, und das ist alles – dazu kommt nichts weiter. Der Eindruck [von anderen Menschen], dass er hier eine Art 'Blindes-Sehen' oder 'Taubes-Hören' betreibt, ist wie oben bereits erwähnt, völlig unangebracht. Die gleichzeitige bewußte Wahrnehmung durch alle Sinnesorgane bedeutet hier: Über alles, was geschieht, bewußt zu sein, jedoch keinen einzigen Denk-Impuls aufwirbeln zu lassen. Die Folge ist ein sehr reiner, friedlicher Geist, der 'spiegelklar' ist. Aber genau hier an dieser Stelle, wenn auch nur ein einziger Denk-Impuls – welcher Art auch immer – unsere Unbewusstheit ausnutzt [falls dieses der Fall ist] und unerkannt bleibt und schleichend 'herumtanzt', dann werden unzählige Denk-Impulse auf einmal oder einer nach dem anderen noch folgen und sich im Nu vermehren. Damit kann eine baldige Zerstreuung des Geistes herbeigeführt werden [wertende Gedanken und emotionale Gefühle aller Arten wie 'Trauer' und 'Freude', etc.].

Während des ZaZen [Tọa Thin] sollen die Buddhisten/-innen [im 'Anfänger/innen-Niveau'] an dieser Stelle aufpassen: Falls Ihr Euch auch nur eines kleinsten Denk-Impulses – so 'klein' er auch sein mag - bewußt werdet, so solltet ihr sogleich, sofort davon 'loslassen' ['Buông!'] (4). Denn diese gerade aufgetauchten zerstreuten Denk-Impulse sind Objekte unserer Bewußtheit des Geistes und kann daher von 'uns', dem 'Subjekt', welches die Objekte auch als Objekte erkennt, erkannt werden. Daher können die Objekte hier nicht als der 'Hausherr' angesehen werden. Objekte sind die 'Gäste' gegenüber dem Subjekt, welches der 'Hausherr' ist. So wie Gäste mit ihrem natürlichen 'Gästestatus' werden sie kommen und bald wieder gehen – nur der Hausherr, der wird selbstverständlich, wie immer, in seinem Haus bleiben.

Über den leisesten Denk-Impuls bewußt werden, jedoch gleich wieder davon loslassen, alles loslassen, ganz und gar alles loslassen, immer so weiter und so fort, bis ganz und gar keiner mehr von ihnen zu erkennen ist – folglich ist der Geist dann ein reiner-klarer-stiller Geist.

Gibt es hier noch ein 'Ich', 'Wer', noch 'Irgendjemand', der über diese Reine-Klare-Stille bewußt ist ? Sagt !!! […].

Ich nehme jetzt ein direktes Beispiel: Als ich in meiner Zen-Hütte hinter einer Trennwand im Hinterzimmer saß, kam ein Gast zu Besuch, der sich am Tee selbst bediente, ein kurzes Selbstgespräch führte und dann wieder ging. Danach kamen noch ein paar weitere Besucher. Sie plauderten miteinander, mal laut, mal leise, auch sie sind dann wieder gegangen.

Zwischen Bemerkung des Übersetzers: In ländlichen Gegenden Südost-Asiens wie Vietnam … ist es üblich (zur Zeit seltener), dass die Bauernhäuser fast den ganzen Tag über offen sind – sie haben auch keine Schlösser. Die Besucher können beliebig kommen und gehen, selbstverständlich auch ohne das sie den Hausherrn zu Gesicht bekommen.

Wer ist denn hier der Mann, der hinter der Trennwand sitzt und über alles geschehen bewußt ist? Er ist der richtige ‚Hausherr‘ des eigenen Hauses. Ebenso, unser Wahre Geist – die Bewußtheit des Geistes – ist stets und kontinuierlich überall den erzeugenden / erlöschenden / stillgewordenen Denk-Impuls bewußt, ebenso aber auch sämtlichen Geschehens der bedingten-erzeugenden-erlöschenden Prozesse des Geistes. Der eigentliche ‚Hausherr‘ ist trotz allem unversehrt und unerschüttert geblieben. Die meisten Menschen aber sind nicht nur über ihren eignen 'Hausherrn' unbewußt oder haben ihn ganz und gar vergessen, sondern vielmehr folgen sie nur wie immer ihren 'Gästen' und 'Besuchern' hinterher – dem scheinhaften, zerstreuten Gebilde des Geistes. 

Sind die obengenannten Gründe bereits Wert genug, weshalb wir uns für die Zen-Praxis ermutigen lassen? Wir würden uns sonst andauernd und unaufhaltsam zerstreuen und uns in den Strudel des endlosen verwirrten Denkens mitreißen lassen. Oder wie Manche, der Zerstreuung des eigenen Geistes wegen, bald in den Wahn getrieben werden?

Daher können wir mit der stets leuchtenden Kraft des Zens deutlicher als je zuvor die zerstreuten und verwirrten Gestalten des Geistes durchblicken. Bis dahin, bis es soweit ist, wenn wir all die Zerstreuung des Geistes ganz und gar gekonnt 'in die Leere' loslassen, wird anstelle dessen ein unvergleichliches 'Unikum' von 'reinster-klarster-Stille' – vollkommen gegenwärtig – eintreten. Erst hier leuchtet unsere Erkenntnis auf, dass unser Wahres Selbst wahrhaftig ist: Die Bewußtheit des Geistes, die die ganze Zeit über all den Zerstreuung des Geistes stets bewußt war.

Bewußt, dass die geistigen zerstreuten Impulse anfangen sich in Bewegung zu setzen, bewußt, dass diese bald vorübergehen, bewußt, dass wieder Stille herrscht. Dann redet man von einem wahrhaftigen Hausherrn, der in seinem Hause lebendig erscheint.

In der buddhistischen Literatur – besonders im Zen – trifft man oft u.a. ein Bildnis von einem jungen Büffelhirten wieder, der bereits auf dem Rücken eines Büffels reitet, jedoch auf der Suche nach 'irgendeinem Büffel' los starten will. Dieses Bildnis deutet auf Verblendung hin, Unwissenheit, bis hin zu einem überschattenden Wahn der Lebewesen. Und derjenige, der auf der Suche nach seinem ureigenen wahrhaftigen Selbst gestartet ist, jedoch wiederholt seinem eigenen Ziel den Rücken kehrt, welches doch stets 'vor seiner Nase' ist – Wie und wann überhaupt könnte er etwas finden?

Existiert unser ureigenes wahrhaftiges Selbst etwa nur während der Zen-Übungen? Oder besitzen wir vielleicht den ganzen Tag und die Nacht über kein Wahres Selbst? Oder vielleicht existiert das Wahre Selbst während des Sehens, Hörens, Fühlens, … und Denkens etwa nicht? Doch!!! Dank unserem Wahren Selbst – der Bewußtheit des Geistes – können wir überhaupt sehen, hören, fühlen, … und denken. Diese Bewußtheit des Geistes ist von Jedem sein Ureigenenes und in allen Sinnesorganen innelebt und bei jedem ersten Blick, jeder ersten Begegnung stets anwesend. Besitzt das hier jemand unter uns nicht?

Jedoch auch hier, statt bei dem Schatz des Wahrem Selbst zu verbleiben, welchen wir alle, jeder seinen eigenen, besitzen, sind wir nicht nur darüber unbewußt, sondern wir vergessen ihn ganz und gar. Lieber lassen wir von dem verführerischen Schein der Sinnestäuschungen (5), des zerstreuten Denkens in die Irre verführen. Unbewußt darüber, dass seine Wege doch zu den unzähligen Sackgassen und Schein-Auswegen führen. Dahinter lauert die Zerstreuung, der Wahn, ... und somit das endlose Leiden.

Wozu also praktizieren wir 'Zen' denn eigentlich? Damit wir uns von dem eigenen verblendeten falschen Festhalten des eigenen Körpers, des eigenen Geistes und deren Unechtheit endgültig, ein für alle mal entfesseln können. Denn die verhängnisvollen Konsequenzen aus dem Festhalten haben wir bereits erkannt. Sobald wir aber die Unechtheit des Körperlichen und Geistigen auch einleuchtend als 'unecht-sein' erkennen, erst dann wird uns unser eigenes wahrhaftiges Selbst genauso blitzartig als Blitzerkenntnis gegenwärtig sein. Erst hier werden wir einleuchtend seine wahrhaftige, unbeschreibliche 'Gestalt' intuitiv erblicken. Seine lebendige Anwesenheit zeigt sich vollständig und stetig durch die gesamten sechs Sinnesorgane. Da dieser Wahre Geist sämtlicher dualistischer Dimensionen [Erzeugen-Erlöschen] über Raum-Zeit hinaus erhaben ist, ist er daher 'Karma-frei'. 'Karma-frei' ist auch das geistige Erhaben-Sein über Wiedergeburt. Über der Wiedergeburt erhaben zu sein, ist bereits die geistige Befreiung aus dem ewigen Kreislauf des Geboren-Werden-Sterbens.

Wir sollten über diesen leiblichen Körper tiefgründig nachsinnen, um folgendes heraus zu finden: Ob dieser Körper, auch nachdem er bis in die Zähne mit dem höchsten Luxus und Wohlgenuss verwöhnt wird, sich 'für ewig' am Leben halten kann? Offensichtlich nicht, denn ganz egal wie viel Luxus und Wohlgenuss er noch genießen wird, es wird nicht von Dauer sein, denn er geht unberechenbar, bedingungslos und unaufhaltsam zur Neige und der Zersetzung entgegen. 

Für ein leibliches Unikat, welchem eine so oder so unaufhaltbare Zersetzung bevorsteht, setzen wir jedoch krampfhaft alles ein – um jeden Preis, alles was wir haben – um es ein ganzes Leben lang mit jeglichem Wohlgenuss zu versorgen. Ist das nicht ein zu leichtsinniges Wettspiel? Oder schon ein dümmlicher, irrgläubiger Einsatz?

Ebenso, ein flüchtiger, unechter Geist – das falsche Selbst, wie wir bereits erkannt haben – halten wir jedoch für 'echt' und klammern daran auch noch so fest, dass wir uns endlos darin leidenschaftlich verstricken – uns selbst und mit Anderen. Ist an unserer Sicht nur etwas verkehrt oder doch schon Wahn? Ist das nicht irrige Selbsttäuschung? Oder doch schon eindeutige Unwissenheit? 

Somit haben wir unsere ureigene schöpferische Gabe selbst ruiniert und diese gar nicht so ernst genommen. Denn Jeder besitzt etwas Wahrhaftiges, jagt jedoch nur dem Schein hinterher, bis er die Enttäuschung erfährt. Erst dann wird hoffnungsvoll Richtung Himmel gebetet bzw. der Boden auf Ärgste verflucht.

Die Lehre Buddhas ist für alle Lebewesen einleuchtend und offen dargelegt – wir wollen sie jedoch ignorieren. Doch erst, wenn unser Leiden unerträglich wird, beten wir 'persönlich' zu Buddha um heilige Segnung, um Heilung und um Befreiung von allerlei Leiden …. Sind wir vielleicht 'über-realistisch'?

Eine zentrale Aufgabe unserer Zen-Praxis ist es, wenn wir aus der eigenen Kraft heraus unseren eigenen Körper und Geist als Schein, als Täuschung und unecht aufgedeckt haben, dann auch dieses aufrichtig zur Seite abzustellen. Damit es wieder möglich ist, dass sich an dieser Stelle unser ureigenes, wahrhaftiges Selbst erleuchtend entfalten kann.

Mit dem leuchtenden Durchblick, der immer mehr bewußt-werdenden Erkenntnis werden auch wir die Unechtheit des eigenen Körpers, des eigenen Geistes, unvergleichlich tief, genauso wie es ist, erkennen. Alle Verzweiflung und Skepsis werden ebenso durchleuchtet werden, so dass sie sich selbst zur Weisheit verwandeln werden. Falls jemand uns aber jetzt mit folgender Frage provozieren will: "Ist dein Körper unecht? Dann schimpfe ich dich. Würdest du zuhören?"

Dass dieser Körper unecht ist, das wissen wir schon genau. Aber wie könnten wir beispielsweise noch darauf reagieren?

Wenn der 'leere Geist' wirklich 'leer' wäre, wüsste er schon von vornherein, wohin diese Beschimpfung landet, denn davon getroffen und verletzt sind wir nicht mehr, aber 'ins Leere gehen' wird diese bestimmt nicht. Worauf warten wir dann noch, lassen wir uns doch sogleich ganz unbeeindruckt davon sein‚ es 'so kommen und so gehen lassen …'.

Somit sind wir gegenüber Beleidigung und Provokation gelassen. Ist das nicht befreiend und erhaben genug? Dieses 'So-kommen- und So-gehen-lassen' hat jedoch nichts mit 'Abstumpfung', 'Reaktionsresistent' und derartiger sedierter Ignoranz oder Gleichgültigkeit zu tun. Somit sind wir dank dem bewährten, geschärften Durchblick der wahrhaftigen Erkenntnis über die Unechtheit jener Objekt-Subjekt-Interaktion der provokativen Beschimpfung, Beleidigung, allerlei Demütigung und Erniedrigung, etc. befreit und lassen uns von nichts täuschen, an nichts anketten.

Daher laut dem Prajna-Paramita-Herz-Sutra benötigen wir lediglich die 'Leere' aus der 'Fünf-Skandhas Kontemplation', um zu erkennen: Wenn das Innerste Wesen der Fünf-Skandhas [darin beinhaltet Körper und Geist] gänzlich als 'leer' erkannt wird, werden wir von 'jeglichem Leid augenblicklich entfesselt, restlos befreit'. In diesem Samsara-Dasein lebend mit samt fünf gesättigten Samsarischen Leiden (6), sind wir trotz allem gelassen und befreit: Beim Speisen und Ankleiden bleiben wir bescheiden und genügsam, von Lob und Freude, Kritik und Trauer befreit, ebenso entfesselt.

Das ist der mutige Aufruf zur kontinuierlichen Praxis bis zur Vervollkommnung des Geistes, aus der Lehre Buddhas: "Gate – Gate – Paragate – Parasamgate – BodhiSvaha". Daher hatte Buddha uns gelehrt, immer der Reihe nach: Zuerst die erleuchtete Erkenntnis, erst dann die Befreiung. Denn seit langem haben wir oft über 'Erleuchtung' und 'Befreiung' gesprochen, aber welche zuerst, welche zunächst, wissen wir noch nicht so genau.

Hier nochmals eine Wiederholung: Das Wahre Wesen aller Phänomene einleuchtend zu erkennen, so wie sie sind, ist der Anfang aller 'Erleuchtung'. Danach, auf erleuchtete Erkenntnis basierend, werden die unheilsamen Karmas schrittweise angehalten bzw. entkräftet. Erst dann, wenn wir über die Karmas erhaben sind, folgt die Befreiung.

Ist der Weg des Zens nun schwierig oder doch leicht? Ist es nun sehr langwierig und dunkel oder doch ganz rasch und hell beleuchtet? Laut vielen buddhistischen Sutren dauert die Praxis unzählige von Lichtjahren, Kalpas und Äonen, so die Überlieferung. Doch sind es auch Buddhas persönliche Worte – er lehrte gelegentlich darüber –, dass es doch ganz rasch geschehen sein kann. Und zwar buchstäblich so leicht und so rasch, so wie man seine Handfläche umdrehen kann. Ich erinnere mich an ein Gedicht eines Metzgers nach seiner Erleuchtung:

"Gestriger Geist – versklavter Geist (7)
 Heutiges Gesicht – Bodhisattva
Versklavte Geister noch Bodhisattvas
trennen sich durch kein Seidenhaar."

Ist es weit, wenn die Dinge noch nicht mal eine Seiden-Haaresbreite [Seidenfaden] voneinander entfernt sind? Ebenso einfach, wie man die Handfläche nach oben oder nach unten umdreht: Wenn wir die Unechtheit des Körpers und Geistes als beständig, von Dauer und als echt betrachten, ist es, als wenn die Handfläche nach unten zeigt. Es bedarf jetzt aber nur einer Handumdrehung, wenn wir sie als unbeständig, nicht von Dauer und unecht erkennen.

Der Eine, der an seinem 'echten' Körper und Geist angekettet ist, bleibt in der Dunkelheit des unwissenden Reiches zufrieden; Der Andere jedoch, seinen Körper und Geist als unecht erkannt, tritt ins Licht der Weisheit eines Bodhisattvas. Wie weit sind sie voneinander entfernt? Die meisten der Zen-Praktiker fragen sich aber jedoch oft: "Wie lang dauert es denn noch mit meiner Praxis?"

Hierfür erwiesen sich die Worte des Alten als zeitlos, wahrhaftig und bewährt:

"Nur einmal umdrehen – sofort das Ufer da."
Noch besser:
"Das Ufer unter den Füßen!"

Mit jedem Schritt, wenn wir vom Ufer Richtung Wasser blicken und weiter hinausgehen würden, würde das Meer des ewigen Geboren-Werden-Sterbens uns die Macht seiner grenzenlosen Tiefe sofort demonstrieren. Ein waches Bewußtsein für die neue Orientierung ist allemal rettend, um sich daran zu erinnern, dass das sichere Ufer der Befreiung nirgendwo weit entfernt ist, sondern stets unter unseren Füßen ist. "Nur einmal umdrehen – sofort das Ufer da." Noch besser: "Das Ufer ist direkt unter den Füßen!"

Kehren wir nun zurück zu unserem heutigen Thema: "Wer ist realistischer?" Der Eine konzentriert sich auf die Vollversorgung des eigenen Körpers mit Wohlgenuss, Reichtum, Ruhm und Ansehen. Und der Andere, der nicht nur die Unechtheit seines eigenen Körpers und Geistes erkannt hat, sondern auch das ureigene Wahre Selbst wieder-entdeckt hat und sich stets bemüht, seine eigene Erfahrung mit Anderen zu teilen. Wer von den beiden ist nun realistischer als der Andere?

Der Eine jagt dem flüchtigen Schein hinterher, welcher bald zur Neige und in der Zersetzung verloren geht. Der Andere wiederentdeckt sein Wahres Selbst, welches nie erlöschen wird und auch nie verlorengehen kann. 'Echt und Unecht', 'Wahr und Schein' – Wer ist hier realistischer? Ist es nun eine Frage wert? Und genau an dieser Stelle trete ich einen Schritt zurück, um jedem von uns die Möglichkeit aus seiner eigenen Sicht heraus zu geben, eine Antwort zu finden.

Es gibt viele Menschen, die die Wahrheit erkannt haben, jedoch nicht bereit sind, genügend Mut und Willenskraft aufzubringen, um mit der Wahrheit zu leben. Hierfür geht es schon um etwas Anderes, ein anderen Aspekt eines anderen Themas.

Denn, wir als Menschenwesen, so verschieden wie wir auch sein mögen, sind wir doch alle vom Licht der Weisheit Buddhas gleichermaßen beleuchtet. Beim Start sind alle gleich losgestartet, am Ziel sieht es schon anders aus. Der Eine bewahrt seinen Wahren Geist stets leuchtend, praktizierend für die Verwirklichung der Vervollkommnung des Geistes, wird gelassen und über das Karma erhaben. Der Andere jedoch, je mehr er 'praktiziert' desto mehr hat sein Ego an Größe und Gewicht zugenommen. Seine 'Praxis' hatte nicht nur kaum Früchte erreicht, sondern Trauer und Leid haben sich angehäuft und vermehrt, so dass er bald verhängnisvoll und erschöpft auf der Strecke stehengeblieben ist. 

An dieser Stelle liegt es aber an jedermann eigenen freien Entscheidung, in seiner eigenen Hand. Von meiner Seite aus ist es der Wunsch und ich versuche meine Verpflichtung zu erfüllen, einiges Essenzielles aus der Lehre Buddhas herzlich und verständlich darzulegen. Denn Buddhas Mittlerer Weg ist für alle Lebewesen gleichermaßen offen, gehen jedoch – heilsam ist es auch – wird jeder mit seinen eigenen Füßen.

Mögen alle von unseren buddhistischen Zen-Praktikern hier stets bewußt und erwacht sein, um zu erkennen: "Wer ist nun realistischer?". Damit Jeder in seiner eigenen eifrigen Lehre und Praxis doch nicht von 'der Mitte des Mittleren Weges' entgleist. 


Namo Sakyamuni Buddha !


*** 


FUßNOTEN UND BUDDHISTISCHE TERMINOLOGIE:



Vor langer Zeit – im dunklen Zeitalter des Altertums – in den soweit das Auge reicht immergrünen Bambuswäldern einer südöstlichen asiatischen Berggegend verbreitete sich die Legende von einer der ersten Steinlaternen:

Ein blinder Mann besuchte eines Abends seinen Freund. Als sie sich wieder verabschiedeten, zündete sein Freund eine Lampe an, stellte diese in eine Papier-Laterne und gab sie ihm in die Hand.

Der Blinde lachte herzhaft los:
– "Möchtest Du mich schmähen, lieber Freund? Für mich ist Tag und Nacht gleich – stockdunkel. Mir reicht ein Stock – keine Laterne!"

Der Andere:
– "Lieber Freund, aber wenn du eine Laterne hast, können andere Leute mit ihren Pferden Dich besser sehen!"

Er nickte zustimmend und meinte:
– "Hast ja Recht!"
So nahm er die Laterne als Geschenk und verabschiedete sich.

Der blinde Mann ging also im Stockdunklen mit einer leuchtenden Laterne in der Hand los. Auf halbem Weg aber bekam er einen kräftigen Stoß von einem anderen Fußgänger, der ihm aus der anderen Richtung entgegenkam. Die Wucht war so groß, dass er vor Schmerzen zu Boden fiel. Zornig beschimpfte der blinde Mann den anderen Fußgänger: 


– "Seid Ihr blind? Habt Ihr keine Laterne? Seht Ihr nicht, dass ich eine Laterne habe?"

Der Andere antwortete:
– "Bitte um Entschuldigung, lieber Herr! Doch eine Laterne habe ich auch!"

Der Blinde wurde noch zorniger:
– "Und wieso stoßt Ihr mich dann?"

Als die beiden Männer – jeder seine Laterne in der Hand – sich gegenseitig beschuldigten, riefen andere Passanten ihnen zu: 
– "Liebe Herren! Die Lichter eurer Laternen sind doch schon längst verloschen!"

Jedes Mal, wenn die steinernen Laternen gefragt werden würden, warum sie lichtlos und vermoost sind, einsam schweigend am dunklen Wegesrand stehend, würden sie immer wieder einen versteinerten Lichtstrahl spenden, der blitzgleich und hell genug ist, dass die Nachkommen immer wieder begreifen würden, weshalb man nie "lichtlose" Laternen, sondern nur "stockdunkel" sagt. 

Und bevor die steinernen Laternen ihr Licht wieder zur ewigen Stille versteinern, lassen sie noch etwas Leuchtendes aufblitzen: Wie viele Menschen es sind, die seit jeher, bis heute wie eine 'lichtlose Laterne' noch unterwegs sind.



(2) "Die Bewußtheit" bzw. die "Bewußtheit des Geistes": Neben vielen anderen einer der meistgebrauchten, an Sinn und Bedeutung tiefsten und vielfältigsten Begriffe der Mahayana- und Zen-Literatur. Er beinhaltet in sich eine wesentliche Eigenschaft des Geistes.

     "Bodhi-Geist" bzw. "Bodhi-Bewußtheit" [des Geistes]: Die entfaltete rechte All-Weisheit des stets mit Bewußtheit beleuchteten Geistes. Eine mögliche weitere Entfaltung ist die „unübertreffliche rechte Bodhi-All-Weisheit – Anuttara Samyak-Sambodhi“. Die verwendeten terminologischen Begriffe sind in authentischen buddhistischen Sutren und meisterlichen Verwirklichungs-Erfahrungen der Zen-Patriarchen Ur-Meister verwurzelt.

(3) 8 Bewußtseinsebenen:

     1. Seh-Bewußtsein
     2. Hör-Bewußtsein
     3. Riech-Bewußtsein
     4. Geschmack-Bewußtsein
     5. Tast-Bewußtsein

     6. 'Denk'-Bewußtsein [Mano-vijnana]
     7. 'Selbst'-Bewußtsein [Manas-vijnana]
     8. 'Speicher'-Bewußtsein [Alaya-vijnana]

(4) Das Wort "loslassen" klingt auf vietnamesisch zufälligerweise vom Laute her fast exakt wie der tiefe Klang einer großen Glocke: "Buông…!"

(5) Die "Sinnestäuschungen" und der Weg des "Messens, Zählens und Wiegens …"

(6) "Fünf Samsarische Leiden": Früh-Buddhistische Terminologie, überwiegend aus Buddhas Früh-Lehrperiode:

1. Begrenzte Daseins-/Existenzdauer aller Wesen als 'Leiden': Dies betrifft sämtliche Existenzen aller Wesen, welche in 'hiesiger' kosmologischer Dimension ["Der Sumerus Berg"] existierend sind und:
  • ihre karmischen Energien sind gegenseitig bedingt.
  • von Äonen und Kalpas … als Gezeiten, auf Galaxien und planetarischen Form-Verhältnissen manifestierten Welten abhängig.
  • werden den Materie-Geist-bedingten Wandlungsprozessen der Raum/Zeit unterworfen sein und jeweils eine bedingte Existenzdauer haben.
  • ihre Daseins-/Existenzdauer wird sich allmählich dezimieren.
2. Geistige Verblendung als 'Leiden'.

3. Geistiges Selbst-Gefangensein als 'Leiden'.


4. Körperliches Selbst-Gefangensein als 'Leiden'.


5. Die Früchte der obigen 'Leiden' sind die 'Lebewesen-Leiden'.


Siehe auch: 'Haupt-Buddhistische Lehrperiode' und 'Spät-Buddhistische Lehrperiode' in "Maha Prajna Paramita Herz-Sutra - Die Abhandlungen".

(7) 'Versklavte Geister': 'Yaksna' oder 'Yaksa' [Sanskrit] bzw. 'Dạ Xoa' [vietn. Umlaut] – Eine der unter verschiedensten, flüchtigen, verkleideten Gestalten verblendeter Geister-Wesen-Reiche. Im obigem Vers wurde 'Yaksa' als dämonenhafte Geister-Wesen dargestellt.

(*) 'Himmelreich': Indirekte Andeutung auf das Reich der verschiedenen 'Devas-Wesen'. Lese-Empfehlung: "Das Lexikon der östlichen Weisheitslehren", Bern - Schweiz, 1986. Schlagwörtern: 'triloka', 'traidhātuka' - "Drei Weltall-Sphäre" [Sanskrit]



*** 
Erste deutsche Übersetzung aus dem Vietnamesischen:
"Ai thực tế hơn ai?"
Aus der Votragsreihe "Hoa Vô Ưu"
 des Obersten Abtes Zen-Meister
Thích Thanh Từ

Übersetzer Chính Tâm
Mitwirkung bei der deutschen Version
von Barbara, Michael, Mechthild, Sandra und
Freunde der Bodhi-Kontinuum-Zen-Gruppe

Diese Übersetzung unterliegt strikt den
'8 Richtlinien für die buddhistischen Zen-Gelehrten und Sutren-Übersetzer'.

Bambuswald-Zen-Tradition, Vietnamesischer Zen-Buddhismus
München/Vaterstetten, den 23. November 2014


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